Archive for the ‘Omega Pharma – Lotto | Archiv’ Category

Wir holen uns das Grüne wieder

Freitag, Juli 15th, 2011

Die erste Tour Woche verlief für unser Team wie eine Fieberkurve. Erst der Paukenschlag von Fast Phil, der in beeindruckender Manier die erste Etappe gewann. Dann das Mannschaftszeitfahren, dass eher suboptimal lief, gefolgt von der Aufgabe von Wally ( Jurgen van de Walle ), der am ersten Tag gestürzt ist und dessen Verletzungen ihn zu sehr behinderten. Danach wieder hervorragende Ergebnisse durch Andre´ und Phil, der gut und gern auch schon 3 Etappen gewinnen hätte können. Verheerend war dann natürlich der Sturz von Jurgen van den Broeck der sich sehr schwer verletzt hat und bei dem auch Frederik Willems zu Fall kam und nicht weiter fahren konnte. Zuletzt der tolle Erfolg von André , der sich im direkten Duell mit Cav durchsetzten konnte und somit die beste Antwort auf die Sprüche der vergangenen Wochen gab und der herausragende zweite Platz von Jelle Vanendert auf der ersten schweren Pyrenäenetappe.

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Nachdem Phil ja Grün jetzt abgegeben hat, machen wir jetzt mal Planspiele, wie er es zurück holen kann. Eigentlich ist es ganz einfach, er muss nur regelmäßig mehr Punkte holen als die anderen. Soweit zur Theorie, in echt ist es nicht ganz so einfach. Ich habe mir mal die kommenden Etappen angeschaut und die einzige Möglichkeit, die ich sehe, ist, dass Phil an den Tagen, an denen der Zwischensprint nach schwereren Bergen liegt seine zwei Mittbewerber abhängt und so den Punkte Rückstand in einen Vorsprung umwandeln kann. Hilfreich währe natürlich noch ein Etappensieg zum Beispiel in Pinerolo oder/ und in Paris alla Vino, obwohl ich den Sieg ja Andre´ gönnen würde, da man sich ja als Sprintersieger in Paris unsterblich macht. Alles wieder nicht so einfach, aber ich habe nicht gesagt, dass es einfach wird, ich sagte nur dass es machbar ist.
Wir werden sehen was passiert und wenn es klappt ist es super und wenn nicht, dann freuen wir uns, dass er Grün hatte.

Euer Michael

Französischer Nationalfeiertag …

Donnerstag, Juli 14th, 2011

Am 14.July feiern die Franzosen ihren Nationalfeiertag und das bedeutet ihnen sehr viel. Am Start wahren tausende Menschen, die “Thomas Voeckler” zu jubelten und ihn feierten. Er ist der Träger des gelben Trikots und hat es auch auf dieser ersten schweren Prüfung verteidigt. Irgendwie konnte ich es gar nicht richtig glauben, dass bereits nach vier Kilometern die 6-köpfige Spitzengruppe fest stand. Denn auch für alle französischen Fahrer ist der Nationalfeiertag etwas ganz wichtiges. Bei meiner aller ersten Tour de France dauerte es weit mehr als eine Rennstunde bis sich eine Fluchtgruppe absetzen konnte.

Generell gab es bei fast allen Etappen keine große Gegenwehr, als sich Spitzengruppen bildeten. Zwei Tage hatte es einmal länger gedauert bis wirklich jemand auf und davon war. In meinen Augen liegt es vor allem an den Rennfahrern die sich ihre Kräfte noch besser einteilen. Da wird nicht mehr wie verrückt drauf los attackiert, da sich jeder genau überlegt, wann er die Power auf die Straße bringt. Das verändert auch taktische Entscheidungen und mitunter den Rennverlauf. So war sich Jens Voigt im Gespräch mit mir doch sehr sicher, dass Thomas Voeckler sein Führungstrikot nicht verteidigen wird, wobei ich hingegen zu Jens sagte, dass er es verteidigen wird.

Die gesamte Leistungsdichte im Fahrerfeld ist noch enger geworden. Selbst an der Spitze des Rennens kann man das immer wieder erkennen, es gibt nicht mehr den absoluten Dominator.

Ein richtig starkes Rennen hatte heute Jelle Vanendert von uns gezeigt. Respekt, dass er auf einer solchen schweren Gebirgsetappe am Tagesende den zweiten Platz belegt.

Ich für meinen Teil habe den “Col du Tourmalet” trotz Strapazen genossen. Im Rennsattel und mit so vielen Zuschauern werde ich ihn nicht mehr beklimmen. Währendessen musste ich auch an einen sehr guten Film denken, den ich euch allen nur empfehlen kann. “Phantomschmerz”, ein sehr guter Film indem es um Radfahren geht und diesem Mythos von Berg.

Sportlichen Gruß, Euer Seppel

Jetzt hat es aber genug geregnet …

Mittwoch, Juli 13th, 2011

Von all meinen Teilnahmen beim “Grande Boucles” leide ich bei dieser Auflage richtig. Ihr könnt mich alle ruhig “Schönwetterfahrer” nennen, aber so langsam liegen bei mir die Nerven blank mit all dem Regen. Neben den hektischen und unruhigen Etappen in der ersten Woche, hat sich die Sonne immer mehr versteckt. Fast täglich haben wir auf eine Wetterbesserung gehofft. Teilweise geht uns langsam die Kleidung aus. Rennhose, Trikot und Socken sehen nach zwei Etappen im Regen nicht mehr wirklich toll aus. Vor allem die Socken und die Hosen sind nach solchen Tagen nicht mehr zu gebrauchen.

André kommt richtig in Fahrt und konnte ja gestern die Etappe gewinnen. Somit hat er allen Kritikern gezeigt, dass er nicht nur kleine Rennen gewinnen kann. Mit einem zweiten Platz auf der heutigen Etappe hätte er fast seine zweite Touretappe gewonnen. Man kann also sagen das Mark Cavendish und André Greipel die zwei schnellsten bei der diesjährigen Tour de France sind.

Was Schnelligkeit betrifft werden wir ab morgen ganz andere Zahlen auf unserem Fahrradcomputer sehen. Denn ab morgen fahren wir in die Pyrenäen, und ab dann wird es richtig sportlich. Es wird nicht der Showdown von Cavendish und Greipel. So werden ab morgen die Fahrer im Kampf um die Gesamtwertung, zum ersten mal ihre Karten offen legen müssen.

Und wie jeden Tag hoffe ich auf morgen wieder auf Sonne und das der Regen nun ganz weit weg bleibt.

Einen sportlichen, durchnässten Gruß, Euer Seppel

Das wird meine letzte Tour de France sein …

Dienstag, Juli 12th, 2011

Glücklich und mit innerer Zufriedenheit teile ich euch heute mit, dass dies meine letzte Frankreich Rundfahrt sein wird. Ich hatte bereits mehrfach angekündigt, dass ich mein Rad an den Nagel hängen will.

Rückblick

2002 begann für mich im Team Gerolsteiner eine Profilaufbahn mit vielen wundervollen Erlebnissen. Gemeinsam wuchsen wir im Schatten des bekannten Team Telekom nach und nach zu der Top-Mannschaft Deutschlands. Wir galten immer als „familiäre“ Gruppe. Und das kann ich hier nur noch einmal bestätigen. Jahr um Jahr entwickelte sich das Team und auch ich reifte als Profi. Neben dem Deutschen Meistertitel im Kampf gegen die Uhr konnte ich viele andere Siege feiern und genießen.

2004 war privat ein sehr schweres Jahr aber der Radsport hat mir neben meinen Freunden und der Familie viel Halt gegeben. Zudem wurde in diesem Jahr ein Kindheitstraum Wirklichkeit: meine erste Tour-de-France-Teilnahme. Es war bis dahin immer das ferne Rennen, welches ich früher im Sommer als Sportschüler im Fernsehen verfolgte.

Es waren wundervolle Jahre. Jahre, auf die ich mit Stolz und innerer Zufriedenheit zurückblicken kann. In meiner gesamten Laufbahn habe ich eine eigene klare Linie gewählt und mich nie von anderen in eine Rolle zwängen lassen. Meine offene und direkte Art führte sicherlich auch sehr oft dazu, dass sich viele vor den Kopf gestoßen fühlten. Doch leider gab es neben den schönen Momenten auch immer wieder sehr traurige Momente.

Der Radsport hat sich verändert. Verändert, weil vor allem die großen Betrüger das Image beschädigten. Aber auch weil die Presse sich noch immer sehr schwer tut, diese Sportart genauso zu behandeln wie alle anderen Sportarten auch.

Neben den negativen Geschehnissen konnte ich aber vor allem privat im Jahr 2008 mit der Geburt meines Sohnes neuen Halt schöpfen. Familie ist für mich das Wichtigste in meinem Leben und ich möchte meinem Jungen immer mit ruhigem Gewissen von damals erzählen können.

Mit dem Wechsel in die belgische Pro Tour Mannschaft „Silence – Lotto“ jetzt „OmegaPharma – Lotto“ fand ich zu neuer Motivation. Es gab wieder viel mehr Rennen, an denen ich Freude und Spaß verspürte und durch die ich motiviert war, mir all diese Strapazen aufzuerlegen.

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Weder das Sturzrisiko, noch die vielen Tage getrennt von Zuhause, die vielen Trainingsstrapazen, ein Abmeldesystem welches in meinen Augen menschenrechtlich sehr fraglich ist, ein Weltverband, der uns immer neue Verbote ausspricht (Funk, Zeitfahrradeinstellungen u.v.m.) oder die anhaltenden Dopingfälle sind nicht die Gründe, warum ich meine Karriere mit 32 Jahren beende.

Wenn ich mich mit einem Wort beschreiben müsste, dann wäre das Realist. Und mir ist nur zu klar, dass ich zwar noch einige Jahre fahren könnte, aber dass der Weg in ein neues berufliches Umfeld immer schwerer werden würde.

Mit dem Sportpark Johannesplatz in Erfurt bekam ich letzten Endes eine gute Chance, mir etwas Neues aufbauen zu können. Dieser Weg wird sehr steinig, eine große Umstellung für mich und auch meine Familie. Doch wenn ich mir sicher bin, dann damit, dass ich mit meinem Biss und meinem Ehrgeiz auch diese Herausforderung meistern werde. Ich freue mich jetzt schon auf das gesamte Team vom Sportpark und darauf, mit ihnen zusammen zu arbeiten.

Doch bevor es soweit ist, werde ich bei jedem Rennen mein Bestes für mein Team geben. – Denn das bin ich. Ich werde mich jetzt nicht zurück legen und das Ganze locker betrachten. Im Gegenteil, Etappensiege wie heute durch Andre Greipel bestätigen nur, dass es richtig ist, alles für und miteinander zu geben, um gemeinsame Ziele zu erreichen.

Für mich wird der Radsport immer einen festen Platz in meinem Herzen haben.

Ein großes Dankeschön für alles an: Mutti und Vati, Schwesterherz, Mary und Emilio, meine Schwiegereltern und überhaupt die Familie. An meine Trainer Horst Werner Freiberger und Jens Lang. Aber auch an meine besten Freunde Jan Hollitzer, Christian Bach, Matthias John, Uwe Rindermann und noch so viele mehr.

Ihr alle habt an mich geglaubt, habt bestimmt am Fernseher oft mitgelitten, habt mich so akzeptiert wie ich bin und immer ein offenes Ohr gehabt. Ihr alle seid mehr als der Halt, den ich immer brauchte und immer hatte.

Danke

Ein schwarzer Tag …

Sonntag, Juli 10th, 2011

Ganz vorne weg möchte ich euch mitteilen, dass es heute für mich mit Abstand der schwerste Tag in meiner Karriere war. Mich so zu quälen um das Ziel zu erreichen, war bis heute noch nie der Fall. Zwischenzeitlich hat mir das kleine Teufelchen auf der Schulter immer wieder gesagt, stop, das war es, leer, vorbei, Ende, fertig….

Aber eines hat das alles so schnell relativiert, dass ich mich schon fast schäme es überhaupt zu schreiben. Seht es also als lückenfüllenden Text.

Viel schlimmer war der schwere Sturz unseres Kapitäns Jurgen Van den Broek sowie der Sturz von Frederik Willems. Beide haben so schwere Verletzungen davon getragen, dass sie das Rennen nicht fortsetzen konnten. Das ist wirklich schlimm und fürs Team ein absolut schwarzer Tag.

Dabei hatten wir eine gute vordere Position, als es in diese gefährliche Abfahrt ging. Ich befand mich selbst auf der dritten Position und musste vor dieser Kurve die beiden Jungs vor mir fahren lassen, da es mir eindeutig zu schnell war. Was glücklicherweise gut für mich ausging, war dahinter leider nicht der Fall. Kritik habe ich nun auch zu äußern. Vor einer solchen Kurve, auf die man mit über 60 Stundenkilometer drauf zufährt, sollte doch nun wirklich jemand stehen, um die Gefahrenstelle anzuzeigen

Mental konnte ich von da an erst recht nicht mehr voll weiter fahren. Mein Gewissen und meine Psyche haben mich neben den schlechten Beinen ganz in die Knie gezwungen. Hoffentlich geht es den beiden schnell wieder besser. Aber vor allem hoffe ich für Jurgen Van den Broek, das, er jetzt nicht zu sehr verzweifelt. Er hat sich so sehr auf diese Tour de France vorbereitet. Alle schweren Etappen, die nun kommen, mit dem Rad abgefahren. Der ganze Rennplan war für diese drei Wochen ausgelegt. Er hat auf so vieles im Vorfeld verzichtet. Auf diesem Wege, alles gute Jurgen und Frederik.

Euer, Seppel

Reifen platt, oder Beine platt….

Sonntag, Juli 10th, 2011

Mit der ersten “Bergetappe” kommt nun noch mehr Spannung aufs Bein. Der Gesichtsausdruck verzieht sich langsam und die Beine tun noch einmal mehr weh. Dabei ist es nur ein Vorgeschmack auf das was man wirklich Bergetappe nennen kann. Denn die großen Berge kommen erst noch. Etappen durch das Zentralmassiv Frankreichs sind einfach nicht lustig. Insgesamt 2700 Höhenmeter auf 189km mussten wir hinter uns bringen. Auf dem Drahtesel bekommt man das Gefühl als würde man mit viel zu wenig Luft im Reifen oder noch schlimmer mit Kleber auf dem Reifen fahren. Da bekommt der Begriff “Rollen” eine ganz andere Bedeutung.

Gemeinsam ist es uns gelungen die Jungs vom Team “Movistar” beim Zwischensprint zu überraschen. So haben wir perfekt für Philippe angefahren und er hat bereits dort Punkte geholt im Kampf ums grüne Trikot. Nach dem kleinen Zwischenerfolg sind wir weiter geschlossen im ersten Drittel das Felds gefahren. Am Ende konnte Philippe Gilbert mit einem guten zweiten Platz das grüne Trikot zurück erobern. Wobei man aber auch sagen muss, dass der Etappensieg an einen Fahrer des Teams “Movistar” ging.

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Und als Überraschung gab es in unserer Neutralisation am Himmel ein Spektakel. So flogen über uns Jets hinweg die in den nationalen Farben Frankreichs die Nationalflagge in den Himmel zauberten. Dabei kommt doch der französische Nationalfeiertag erst am 14.07.2011.

Frank Schleck sagte dann aus Spaß zu mir, das haben die für mein Meistertrikot gemacht. Farblich kommt ja die luxemburgische Flagge  dem auch sehr nah.

Dann mal, Kette rechts, und immer locker durch die Hose atmen.

Euer Seppel

Frankreich ist groß…

Samstag, Juli 9th, 2011

Nach sieben Etappen haben wir das erste Drittel hinter uns. Das Drittel, welches am meisten Nerven kostet und vor allem uns Helfern viel Kraft raubt. Momentan können wir sehr froh sein so durch die ersten Tage ohne große Vorkommnisse gekommen zu sein. Zwar musste Jurgen Van de Walle nach seinem Sturz das Rennen aufgeben, aber immerhin hat der restliche Teil die bis jetzt zurück gelegten 1200km ohne Crash überstanden. Zahlreiche Favoriten sind in den letzten Tagen gestürzt und haben ordentliche Blessuren davon getragen. Andere Favoriten hat es sogar zur vorzeitigen Aufgabe gezwungen.

Das zu erklären oder sogar Ursachen dafür zu finden ist viel zu komplex. Es spielen dabei so viele Faktoren eine wichtige Rolle. Letztendlich ist es aber sehr typisch für die erste Woche bei der Tour de France.

Abgesehen von den langen Etappen der letzten Tage und den bevorstehenden zwei langen Tagen im Zentralmassiv spüre ich auch eine gewisse Müdigkeit. Vorgestern war es sogar so schlimm, dass ich im Bus nach der Etappe eingeschlafen bin. Da die Transfers sowohl zum Start als auch nach dem Rennen in das Hotel immer ihre Zeit brauchen kann man dann auch mal die Augen zu machen und abschalten. Und wenn ich noch genügend Energie übrig habe, dann schreibe ich euch diese Zeilen auf dem Weg ins Hotel oder zum Start.

Neben den langen Transfers und Etappen sind die Tage immer wieder recht spät zu Ende. Und im Gegensatz zur Spanienrundfahrt, bei der man ausschlafen kann, fangen die Tage hier in Frankreich eben auch früh an.

Einer der schönsten Momente eines jeden Tages sind dabei immer die ersten Minuten nach der Etappe, wenn du die Erleichterung verspürst wieder einen Tag hinter dich gebracht zu haben, deine Aufgaben erfüllt hast und alles geklappt hat, wie wir es uns vorgenommen hatten. Und das Abendessen ist ein schöner Moment. Denn dann sitzen wir alle zusammen und haben uns viel zu erzählen. Am meisten gefällt mir dabei wenn es nicht um den Radsport geht. Geschichten aus der Vergangenheit, Erlebnisse die jemand gemacht hat, denn so erfährst du auch noch mehr persönliches über deinen Teamkollegen. Zusammen lachen und Spaß haben erleichtert den ganzen Alltag und man geht optimistischer in sein Bettchen und den bevorstehenden Tag.

Jetzt freue ich mich aber schon sehr auf den Montag, den ersten Ruhetag, endlich mal nicht Rennen fahren :-)

Sportliche Grüße, Euer Seppel

Ernten, was man sät…

Donnerstag, Juli 7th, 2011

Nach meiner langen Zeit im Team Gerolsteiner bin ich nach dem Jahr 2008 in dieses belgische Team gewechselt. Schnell stellte sich heraus, dass es erstens eine sehr gute Entscheidung war, und zweitens hätte ich diesen Schritt ruhig eher tun sollen. Auch wenn es am Anfang nicht einfach war einen Platz im Team zu finden und es etwas dauerte sich der Sprache und dem Charakter anzunähern, war es vom ersten Treffen an immer ein angenehmes Gefühl.

Wenn ich nun auf diese vergangenen zweieinhalb Jahre zurück blicke wird mir viel mehr bewusst, als nur das eben geschilderte. Was ihr alle in den letzten Monaten und Tagen sehen konntet, ein starkes Team, hat auch seinen Ursprung. Es bedarf nicht nur der Top Fahrer und deren Kondition Erfolge zu haben. Die Stimmung untereinander, das Vertrauen im Rennen, das Bewusstsein seiner Fähigkeiten und eine starke Teamleitung zeichnen uns am meisten aus. Das war aber nicht von Anfang an der Fall. In meinem ersten Jahr “Silence – Lotto” habe ich oftmals eine sehr egoistische Fahrweise von Fahrern erlebt. Fahrer, die sich selbst nicht richtig einschätzen konnten. Schließlich wird ein Top Sprinter nie eine Bergankunft in den Alpen gewinnen. Selbst am Essenstisch lachen und sprechen wir viel mehr als ganz am Anfang. Diese Stimmung im Team macht sehr viel aus.

Wenn ihr uns so geschlossen fahren seht, wenn wir Erfolge erzielen, wir unseren Platz im Feld täglich verteidigen und jeder genau weiß was er zu tun hat, dann liegt der Schlüssel unseres Teamspirits vor allem in dem, was wir im Winter zusammen gemacht haben. Das Team Building in den Ardennen war und ist ein wichtiger Meilenstein gewesen um uns so aufeinander einzustimmen. Umso trauriger stimmt es mich, dass die beiden Hauptsponsoren im kommenden Jahr nicht mehr zusammen an dem Projekt arbeiten. Was aber diese teambildenden Maßnahmen betrifft, können wir vor allem dem Sportmanagement und den sportlichen Leitern unseres Teams danken.

So habe ich auch wieder zu neuer Motivation gefunden und es gibt wieder mehr Tage an denen mir der Radsport Freude bereitet. Denn nun Ernten wir was wir gesät haben.

Euer Seppel

Wie im Irrenhaus…

Mittwoch, Juli 6th, 2011

Wenn man mich fragt was der Unterscheid zwischen der Tour de France und all den anderen Rennen ist, komme ich zu folgendem Urteil. Kein anderes Radrennen ist so nervös, hektisch und vor allem so schnell in der ersten Woche, wie die Frankreichrundfahrt. So gehören zahlreiche Stürze zur Tagesordnung. Heute hatte es vor allem große Namen erwischt. Fahrer wie Condator, Wiggins, Leipheimer und so weiter waren in Stürze verwickelt. Wie kann man das nun umgehen, eigentlich gar nicht. Denn alle Teamleiter sagen uns vor jeder Etappe mehr oder wenige genau das gleiche. Fahrt im ersten drittel oder noch weiter vorne. Leider passen aber keine 198 Fahrer nebeneinander auf eine typische Landstraße. Und genau da fängt es mit den Problemen an. Zahlreiche Ortsdurchfahrten, Kreisverkehre, Hindernisse und sehr schmale Straßen machen die Tour zum Irrenhaus in der ersten Woche. Du musst dich permanent konzentrieren und hellwach sein, ständig um deinen Platz im “Peloton” kämpfen und dir keinen Fahrfehler erlauben. Da wirst du auch mal ganz schön “Banane” im Kopf. Nach solchen Etappen sitzt du eher psychisch erschöpft im Teambus als physisch.

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Ganz zu schweigen von jedem einzelnen Ego, denn oftmals heißt es ich Bremse nicht, brems du doch. Oder wenn gebremst wird, dann nicht dosiert, sondern volle Kanne. So lernst du schnell das Limit deiner Bremsen am Rad kennen. Und lässt du Sicherheitshalber ein kleines Loch nach vorn zu deinem Vordermann, dauert es keine 2 Sekunden, bis einer unter deinem Lenker in diese viel zu kleine Lücke fährt. Teufelskreislauf, am Ende fängst du eben selbst an in die viel zu engen Lücken zu stecken.

Man fährt irgendwie ein Rennen um seine Position und das eigentliche Rennen um den Tagessieg. Immer in meinem Windschatten verbirgt sich Jurgen Van den Broek, ich probiere ihn so gut es geht durch das Feld zu pilotieren. Meistens gelingt uns das ganz gut und wenn ich einmal nicht zur Stelle bin übernimmt auch ganz schnell ein anderer Fahrer von uns diesen Job. Schließlich muss er soviel Kraft in den ersten Tagen sparen um dann in den Bergen sowohl körperlich als auch mental stark zu sein.

Bis Morgen, Euer Seppel

In der Bretagne fühle ich mich nicht so wohl…

Dienstag, Juli 5th, 2011

Tatsächlich ist meine Einstellung zu dieser Region schon seit langem keine so gute. Ganz am Anfang meiner Laufbahn als Profi musste ich das Eintagesrennen “GP Plouye” hier in der französischen Bretagne bestreiten. Schon die Anreise stellte sich als sehr kompliziert heraus, so kamen für einen Renntag geschlagene 3 Tage unterwegs sein zusammen. Was dann das Rennen anbelangte, weit bin ich nicht gekommen. Und von diesem Tag an war mein Verhältnis zu dieser durchaus schönen Region gespalten.

Auf der heutigen Etappe wurde wieder einmal mehr klar, warum ich nicht gerne Rennen hier fahre. Es geht immer nur bergauf oder bergab, Wind und rauer, wirklich rauer Asphalt runden das ganze dann noch ab. Kräftezehrend mussten wir den ganzen Tag das Rennen kontrollieren, da Philippe als großer Favorit galt und selbst auch unbedingt gewinnen wollte. So kam es dann, dass Marcel Sieberg und ich schon nach 25km zusammen mit zwei Fahrern vom Team BMC die Verfolgung aufgenommen haben. Mit Nieselregen sind wir dann Stundenlang von vorne gefahren und das teilweise auf kleinen Straßen. Da passiert es auch einmal, dass dir Kuhmist ins Gesicht fliegt. Keine sehr angenehme Sache, aber anscheinend wollten die Organisatoren einfach jeden Berg und jede noch so kleine Welle in den Streckenplan einbauen.

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Eine schlechte Nachricht habe ich auch noch zu vermelden. Jurgen Van de Walle musste das Rennen heute vorzeitig beenden. Nach seinem Sturz auf der ersten Etappe hatte er sich nicht mehr erholt. Hoffentlich können wir so früh im Rennen den Ausfall als Team kompensieren. Schließlich haben wir jetzt schon viel Energie investiert und das obwohl erst vier Etappen gefahren sind. Man darf eben nicht vergessen, dass die Rundfahrt drei Wochen lang ist, und gerade am Ende sich jede Kraftreserve auszahlt.

Einen sportlichen Gruß, Euer Seppel