Archive for the ‘Charles Wegelius Blog’ Category

So löst man Schlafprobleme während der Tour

Freitag, Juli 2nd, 2010

Vor dem Tourstart sind alle Fahrer und Teams nur damit beschäftigt, sich auf das Rennen vorzubereiten. Jeder hat für diese Rennen seine eigenen kleinen Rituale und Gewohnheiten. Viele Fahrer versuchen etwas von zuhause mitzunehmen, etwas das ihnen in einer Welt von einheitlicher Teamkleidung und Formationsfahrten das Gefühl gibt, etwas Einzigartiges zu sein. Ich persönlich habe so etwas wie eine Schlafmanie. Wie meine Schwiegermutter immer richtig gesagt hat ist schlafen so wichtig, wie Geld bei der Bank anzulegen – und wenn ich mir das zu Herzen nehme bin ich schon ein reicher Mann. Zuhause in Finnland ist es für mich nicht ungewöhnlich, wenn ich mal elf Stunden am Stück schlafe. In Italien ist das praktisch unmöglich: ich habe laute Nachbarn, Verkehrslärm, einen nervigen Truthahn im Garten unter mir. Der Truthahn ist ein ziemlich emotionaler Bursche. Er schreit und schnattert die ganze Zeit rum, aber ich habe bis heute noch nicht herausgefunden, wen er da eigentlich beschimpft. Aber ihr wollt doch nichts über meine Probleme wissen, oder?

Wenn ich nicht zuhause bin, habe ich mein eigenes kleines Schlaf-Ritual, so dass ich sogar in der letzten Absteige meine Ruhe finde. Als erstes stelle ich in einem neuen Hotelzimmer immer das Licht ein. Lichtdurchlässige Vorhange oder Rollläden, durch die ein Lichtstrahl in meine Augen fällt, bedeuten großes Unheil für mich. Außerdem können alle Arten von Blink-LEDs und Feuermeldern müden Radfahrern nachts tierisch auf die Nerven gehen. Die einfachste Lösung dafür ist eine Augenmaske. Ich habe im Laufe der Jahre schon viele Modelle ausprobiert und letztendlich eins Gefunden, das wirklich gut ist. Bis ich einen Sponsorenvertrag mit dem Hersteller habe kann ich die Marke hier leider nicht sagen. Aber ihr könnt mir glauben, dass es sich nicht um ein billiges Werbegeschenk irgendeiner Airline handelt. Dieses Ding hier blockt wirklich jegliche Art von Licht und schickt euch in das erholsame Land der Träume.

Der nächste Gegner eines müden Bikers sind Geräusche. Hochzeiten, betrunkene Podium-Girls und bis in die Nacht trinkende Rowdymasseure sind schlechte Nachrichten. Türschlagen in den Morgenstunden und Kompressoren, die anspringen um Reifen aufzupumpen können mich ebenso mit dem falschen Fuß aufstehen lassen. Ohrstöpsel sind ein Muss, aber auch hier geht kein Weg an Qualität vorbei. Ich möchte nichts mit diesen schaumigen gelben Dingern zu tun haben. Die sind zwar für die Ohrreinigung zu gebrauchen, aber das ist es dann auch schon. Silikon ist das Beste Material und es schmiegt sich hundertprozentig an dein Ohr an. Sie sind sogar so gut, dass sie das andauernde Gesabbel eines Matt Lloyds abschirmen. Der einzige Nachteil ist, dass du dein eigenes Atmen wie ein Echo in deinem Kopf hörst. Darth Vader lässt grüßen – aber hey, man kann nicht alles haben.

Ich bringe auch immer mein eigenes Kissen von zuhause mit. Es lässt sich zu einem kleinen Paket falten und formt sich zu einem perfekten Nest, in das man sich zur Schlafenszeit entspannt niederlassen kann. Es gibt nichts Schlimmeres als wenn du dich mit einem schlechten Kissen herumschlagen musst. Die spärliche Füllung landet überall – außer da wo du sie brauchst. Ich habe mein Reisekissen beim Giro verloren und habe ernsthaft ans Aufhören gedacht. Der Teamarzt hat noch extra im Hotel angerufen, aber die haben abgestritten, etwas von meinem verschwundenen Kissen zu wissen, aber ich glaube ja, dass sie das Kissen gefunden und behalten haben – die Schweine!

Ein Pyjama ist das, was ein wahrer Gentleman für einen erholsamen Schlaf auf der Straße braucht. Ich habe mir einen neuen Pyjama für meine erste Vuelta gekauft und wie durch ein Wunder habe ich das Rennen beendet. Seitdem kaufe ich mir für jede dreiwöchige Rundfahrt ein neues Modell. Ich weiß: Es ist idiotisch, aber was soll ich sagen? Ich bin schwach und ermutige mich mit diesen sinnlosen Ritualen. Das Tour-Modell dieses Jahr ist sehr unauffällig. Kein Schnickschnack, pure Performance.

Wenn einer von euch (ich hoffe, irgendwer liest das hier) irgendwelche Tipps hat, wie ich besser schlafen kann, würde ich mich freuen, die hier zu hören.

Gute Nacht!

Giro vorbei, Tour im Blick

Dienstag, Juni 29th, 2010

Die Tour de France startet am 3. Juli. Oder? Na ja, eigentlich beginnt nur der letzte Teil der Tour im Juli. Das eigentliche Rennen beginnt irgendwann im Oktober sobald die Strecke vorgestellt wird. Das ist die Zeit, in der das Training und die Rennpläne für die Saison ausgearbeitet, die Erkundungsfahrten geplant werden und die Fahrer vom kommenden Juli träumen können. Die Tour ist wie eine Schwangerschaft: 9 Monate lang Schmerzen und Leiden, bis es zum Finale noch mehr Schmerzen gibt.

Omega Pharma - LOTTO  2010  Charles Wegelius

Ihr solltet wissen, Radfahrer sind aus psychologischer Sicht schon besondere Menschen. Und das ist der Grund, warum nur selten jemanden zugibt, sich einen Teufel darum zu scheren, ob er für die Tour nominiert ist oder nicht – bis er endgültig für das Team ausgewählt wurde. Das wäre, als ob jemand die Möglichkeit nicht berücksichtigt zu werden, zugibt – und die damit verbundene Enttäuschung. Aber wenn ein Fahrer dann die Zusage bekommt wird deutlich, dass er genauso wie alle anderen schon seit Kindheitstagen den Traum hatte, hier mitzufahren. Es ist nicht nur der Höhepunkt einer neunmonatigen Vorbereitungsphase, es ist die Erfüllung eines privaten Traums.

Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, sich auf die Tour vorzubereiten – und jede hat ihre Vorteile. Dieses Jahr lag der Fokus meiner Vorbereitung beim Giro. Der Mai war ein Monat voller Action, Höhen und Tiefen. Für das gesamte Team Omega Pharma-Lotto war es ein riesen Erfolg. Matt Lloyd gewann eine Etappe und das Grüne Trikot für den besten Kletterer. Aber auch jedes andere Teammitglied hatte Gelegenheit sich zu zeigen. Sei es bei Sprints, in Ausreißergruppen oder den Bergen. Noch mehr als die Ergebnisse war der Teamgeist das eigentliche Highlight. Wir stehen wirklich alle füreinander ein. Das erzeugt eine wirklich gute Stimmung zwischen den Fahrern und Betreuern. Mojo, Chi, good Vibrations – nenn‘ es wie du willst. Am Ende des Tages ist es diese Art von positiver Energie, die den Unterschied ausmacht wenn‘s drauf ankommt.

Ich habe auch im Juni noch hart an meiner mentalen Stärke gearbeitet. Wenn es der Rennkalender ermöglicht bin ich immer mal wieder schnell in meine Heimat nach Finnland gefahren, wo ein wahres Paradies auf mich wartet. Wir leben dort auf dem Land, neben Milchkühen, Pferden und Hunden ganz ohne minutiös geplante Terminkalender. Du kannst hier Sachen erledigt, wenn die Zeit reif ist, oder wenn du dich danach fühlst. Die Ruhe ist einfach unschlagbar. Zwar weiß jeder hier was ich beruflich mache, aber es interessiert niemanden wirklich – und das ist ein unbezahlbares Gefühl. Während die Tage so vorüberziehen, ich schlafe und trainiere merke ich, wie sich meine Energiespeicher wieder füllen. Diese Energie wird im Juli kostbar sein, denn dann kommt eine harte Schinderei. Aber ich hoffe, dass es auch ein paar glückliche Momente gibt – und das lässt hoffen.

Charles Wegelius