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Charles Wegelius Blog: Auf Wiedersehen – aber nicht Lebewohl

Montag, November 15th, 2010

Im Jahr 2010 hat der Omega Pharma-Lotto Fahrer Charles Wegelius einige Blogeinträge auf blog.canyon.com geschrieben. Seine bildhaft geschriebenen Texte gehörten zu den meistgelesenen der Seite und waren von seinen Lesern geschätzt. Das gesamte Canyon Team wünscht Charlie viel Erfolg bei seinem neuen Team und bedankt sich für die tollen Geschichten und Einblicke in das Leben eines Radsportsprofis der Extraklasse.

Glücklicherweise, gottseidank ist die Saison 2010 vorbei. Endlich! Trotz einiger freudiger Momente im Mai war die Saison im Großen und Ganzen ein langwieriger Kampf für mich. Von Juli bis zum bitteren Ende im Oktober schlitterte ich von einer kleinen aber doch störenden Krankheit in die nächste. Ein paar Tage konsequentes Training war das einzige, das ich auf die Reihe bekommen habe ehe mein Körper wieder streikte und ich bei null anfangen musste. Hartes Training und ein angepasster Lebensstil bedeuten alles in diesem Sport. Ohne diese beiden Pfeiler kannst du niemals die richtige Basis schaffen, auf der du aufbauen kannst. So kam es, dass meine Saison endete und mein Körper nur gelegentlich – wie während der guten Tagen in Kanada – ein Lebenszeichen von sich gab. Die übrige Zeit verbrachte ich damit um meine Form zu kämpfen.

Nachdem ich mein Rad nach den letzten Rennen in Italien den Mechanikern gegeben habe konnte ich eine ganze Zeit lang keine Räder mehr sehen. Das ist nach einer so langen Saison etwas ganz natürliches, aber dieses Jahr war dieses Gefühl bei mir besonders stark. Ich habe so viel in meine 2010er Saison investiert, aber ich habe nichts dafür bekommen, meinen Platz in einem guten Team verloren und festgestellt, dass in Zukunft nur wenige Personen noch Interesse an mir haben würden. Abgesehen davon, dass ich schon immer eine bescheidene Vorstellung meiner Rolle in der Radsportwelt hatte, war es dennoch eine Nachricht, die mich hart getroffen hat. Ich kenne dieses Geschäft lange genug um zu wissen wie grausam und schnelllebig es sein kann. Aber ein kleiner Teil in mir war immer der Meinung, dass ich immer benötigt werde. Ich habe erfahren, dass ein 27-järiger meine Position im Team bekommen hat, weil er jünger war. Ich habe gelacht und gesagt „27 ist nicht jung!“ „Nein“, war die Antwort. “Aber noch immer sechs Jahre jünger als Du.”

Ich musste mich erstmal setzen und habe realisiert, dass einige Zeit vergangen ist – ob ich will oder nicht. Ich bin seit dem Jahr 1996 mit meinem Rad um die Welt gereist, wurde alt und zynisch. So wie dein Lieblingssing, der so oft in dein Ohr gehämmert wurde, dass du mittlerweile noch nichtmal mehr hinhörst, wenn er gespielt wird. Ich kannte die Rennen und Trainingslager, habe sie routiniert hinter mich gebracht da ich den Ablauf schon kannte und es keinen Punkt gab, ab dem ich bei irgendetwas neuem hätte improvisieren müssen. Daher habe ich überlegt was ich machen könnte, wenn der Pro-Tour-Zirkus mich rausgeschmissen hat. Es kommt mir so vor, dass ich – obwohl ich noch nie viel gewonnen habe, ziemlich viel darüber weiß ein Radfahrer zu sein. Und da wäre es doch eine Schande, dieses Wissen einfach links liegen zu lassen. Ich weiß außerdem, dass ich guter Kommunikator bin und hier meine Chance suchen kann. Wäre es nicht schön jungen, ambitionierten Talenten zu helfen und sie davon abhalten all die Fehler zu machen, dich ich erfahren musste und ihnen so zu helfen alles aus ihnen rauszuholen?

Bei einem Glas Wein mit meiner Frau habe ich mich – nicht zum ersten Mal – beklagt, wie bescheiden mein Jahr war und wie enttäuscht ich war. Camilla drehte sich zu mir und sagte: „Ja, aber die meisten Dinge passieren aus einem bestimmten Grund. Vielleicht wird aus alldem etwas Gutes.“ Und ungefähr eine Woche später sollte es tatsächlich so kommen. Ich bekam einen Anruf vom United Healthcare Team in den Staaten. Okay, sie sind nicht Omega Pharma-Lotto, aber sie versuchen zu wachsen und – ganz wichtig – sie wollen das von Grund auf. Langsam aber sicher. Als ich mit dem Manager Mike Tamayo sprach merkte ich, dass es hier um ein interessantes Projekt geht, bei dem ich mehr machen sollte als nur Radfahren. Sie brauchten einen guten Kletterer, aber die waren auch an meiner Erfahrung und meinem Wissen interessiert und waren bereit, ihren jungen Fahrern zu helfen. Ich hoffe auf eine erfrischende, neue Zusammenarbeit in der ich viele Dinge lernen kann, aber in der ich auch tatkräftig helfen kann etwas sinnvollen zu tun.

Es ist mal sicher, dass es keine einfache Entscheidung war. Mein Ego sagte mir, dass ich weiterhin den Giro und die Tour fahren sollten, aber mein Kopf sagte „du bist davon krank geworden“. Als ich die Mails aus den Staaten über die Details wie Schuheinsätze oder den Fahrradspezifikationen bekam habe ich gemerkt „scheiße, diese Typen meinen das echt ernst!“ Und als mein Enthusiasmus langsam zurückkam habe ich gefühlt, dass ich der Teil eines erfolgsversprechenden Projekts bin. Als ich ein paar Tage später von der Post nach Hause gefahren bin, habe ich festgestellt, dass die Straßen in der Morgensonne langsam abtrockneten und ein kleiner Gedanke keimte in meinem Kopf: „Das wäre ein schöner Morgen für eine Runde…“

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Wie alles begann

Dienstag, September 14th, 2010

Mit dem Zug zu fahren war schon immer etwas ganz besonderes für mich. Vielleicht, weil ich als Kind schon mit meinem Bruder zwischen Finnland und England mit dem Flugzeug regelrecht gependelt bin. Eine Bahnfahrt war doch sehr außergewöhnlich. Fliegen ist auch viel steriler als eine Zugfahrt. In einem Flugzeug sitzt man in einer klimatisierten Blase, wird an den Sitz geschnallt und an sein Ziel gebracht. Bahnfahren hat einfach viel mehr zu bieten. Man hört die Pfeifen der Schaffner, man spürt die Gleise unter sich und oftmals hört man wie sich der Motor abmüht.

Man kann sich auch richtig abhetzen um den Zug noch zu erreichen und noch rein springen, wenn er grade vom Bahnsteig abfährt. Für ein kleines Kind ist das so ziemlich die spannendste Art zu reisen, insbesondere wenn man kurze Beine hat und irgendwie mit seinem Bruder oder den Eltern mithalten muss. Ich kann mich noch gut erinnern wie ich mit meinem Großvater noch versucht habe einen Zug nach London zu erreichen und wir sind drauf gesprungen, nachdem er losgefahren war. Die Freude es geschafft zu haben war fantastisch, als wir völlig außer Atem im Abteil standen und uns mit einem „gottseidank“ angeschaut haben.

Solche Gedanken kommen mir in den Kopf währen ich hier in einem Zug voller Radfahrer auf dem Weg nach Montreal sitze. Es ist ein herrlicher, frischer Morgen mit den ersten Anzeichen eines anziehenden Herbsts. Die Landschaft zieht langsam vorbei wie eine Diashow, eine seltene Gelegenheit für einen reisenden Radfahrer wirklich mal das Land genießen zu können, das man besucht. Die Landschaft erinnert mich häufig an Finnland mit den dichten Wäldern, die einen Hauch von Wildnis in unserem Westen geben, aber überall sind auch klare Zeichen, dass ich weit von zuhause entfernt bin. Riesige Lastwagen schleppen riesige Ladungen entlang der Highways und die Schulbusse sehen so robust aus, dass ich mich frage wie viel Benzin man wohl benötigt um die Kinder zur Schule zu bringen.

Obwohl ich schon seit 1996 mit meinem Rad um die ganze Welt reise, könnte man sagen, dass meine Karriere in Kanada so richtig begonnen hat. Ich bin mit dem Linda McCartney Team 1999 zur Trans Canada angetreten. Es war verdammt kalt und nass, aber ich kam ganz gut klar. Sekunden bevor ich auf die Startrampe zum letzten Zeitfahren gestiegen bin, wurde ich von Serge Parsani, dem Manager des mächtigen Mapei Teams, angesprochen. Er fragte mich ob ich daran interessiert wäre für sein Team zu fahren. Sein English war, und ist es vermutlich noch immer, ziemlich miserabel, daher habe ich ihm in meinem besten Französisch höflich versucht zu erklären, dass er den Falschen vor sich hat, dass er auf dem Holzweg sei. Er überprüfte meine Startnummer, schaute auf den Startzettel und meinte „Du bist Wegelius, oder nicht?“. Ich bestätigte, dass es nur einen Wegelius gäbe. „Na dann bist du derjenige, den ich suche“. In meinem Kopf drehte sich alles; meine Startzeit habe ich um fast eine Minute verpasst und ich habe mich das gesamte Zeitfahren gefragt was zur Hölle soeben passiert war. Zum Ende des Rennes kam ich zu der Überzeugung, dass er vor hatte, mich in eines der vielen Amateurteams zu stecken.

Ich beendete das Zeitfahren so ziemlich als Letzter und 2 Wochen später fand ich mich in der Mapei Zentrale in Varese wieder bei einem Treffen mit dem Team-Management. Ein paar Tage später unterschrieb ich meinen ersten Vertrag mit dem größten Team der Welt. Damit begannen die aufregendsten Monate meiner noch jungen Karriere. Auf einmal teilte ich Hotelzimmer und verbrachte Trainingslager mit Giganten des Radsports wie Museeuw, Tonkov und Zanini – und in meinem Kopf drehte sich noch immer alles, immer mit dem Gedanken, dass sie wirklich den Falschen erwischt haben. Innerhalb weniger Wochen kam ich aus einer Welt des gegenseitigen Händewaschens und der Unsicherheit an einen Ort, an dem alles möglich war, wenn man nur hart genug dafür arbeitete. Ich lebte in einer großen Wohnung an einem malerischen See in Italien und hatten all die Unterstützung um an meinem Limit arbeiten zu können.

In diesen ersten Jahren bei Mapei habe ich all die Fähigkeiten gelernt, die mich durch meine gesamte Karriere bringen sollten. Ich habe gelernt hart zu arbeiten und ehrlich zu dir selbst und deinen Teamkammeraden zu sein, auch wenn das Radfahren alle Arten von Höhen und Tiefen in deinen Weg legen kann. Auf lange Sicht helfen dir die grundlegenden Regeln wie Fleiß und Beständigkeit auch durch schwierige Zeiten. Ich hatte das Glück von den Besten lernen zu können, in einer dich unterstützenden und vollkommenden Umgebung. Diesen Werten werde ich immer treu bleiben, auch nach meiner Zeit auf dem Rad, wenn meine Beine behaart sind – und dafür werde ich immer dankbar sein.

Charlie

Bella Italia

Montag, September 13th, 2010

Keine Bange, dies wird kein weiterer Schnulzblog. Ich glaube ihr könntet genau so wenig wie ich noch einen solchen ertragen. Ich kann euch auch zu einem späteren Zeitpunkt auf den neuesten Stand bezüglich meiner Gesundheit bringen, aber ich habe euch auch noch viele andere Sachen zu erzählen.

Ich war kürzlich für etwa eine Woche in Italien. Es war sehr schön sich mal wieder mit dem Menschen auszutauschen und die Wohnung mal wieder zu sehen. Varese ist seit Beginn meiner Karriere meine zweite Heimat, die mir sehr wichtig geworden ist. Die Leute arbeiten hart und auch wenn sie sehr mürrisch sein können, sind sie doch aufrichtige, herzensgute Typen. Als ich 1999 als naiver, junger Mann das erste Mal hierhin gekommen bin, wurde ich mit offenen Armen und Türen begrüßt und ich fühlte mich sofort willkommen und unterstützt. Es vergingen auch mal Wochen, ohne dass ich bei mir zuhause eine Mahlzeit zu mir genommen habe, so groß war die Gastfreundschaft dieser Menschen. Während man in anderen europäischen Ländern eher auf sich selbst gestellt ist, wurde ich in Italien wie ein filigranes archäologisches Fundstück von Hand zu Hand weitergereicht. „Lass ihn nicht verhungern!“

In einem fremden Land zu leben ist nicht immer einfach, auch wenn man der weitgereisten und sehr anpassungsfähigen Art angehört. Mir scheint es ist egal wie viel Zeit man in einem anderen Land verbringt, es gibt einfach Gewohnheiten, Prioritäten und Geschmäcker, die ich nie ganz abwerfen kann. So gibt es auch in Italien Dinge, die ich einfach nie verstehen werde. Zum Beispiel haben Banken und Büros immer unterschiedliche Öffnungszeiten. Und warum schließen Supermärkte den Mittag über, wenn man doch eigentlich etwas fürs Mittagessen kaufen müsste? Aber das ist auch das Schöne daran. Wir sind alle so verschieden und das macht das Leben in anderen Kulturen so spannend. Man erlebt immer etwas neues, eine neue Art etwas zu sehen. Als Reisender hat man den Luxus alles was man erlebt in sich aufnehmen zu können.

Eine Sache, an die ich mich in meiner Zeit in Italien nie so richtig gewöhnen konnte, ist ihre Haltung gegenüber Lärm. Davon machen sie eine ganze Menge… Ein einfaches Treffen eines Freundes auf der Straße löst eine laute Diskussion aus mit Schulterklopfen, vielen Gesten und, natürlich, Krach. So sind sie eben. In den ersten Wochen dachte ich oftmals die Menschen wäre sauer aufeinander bei all dem Schreien und Kreischen. Mit besserer Sprachkenntnis realisierte ich, dass sie einfach alles aus sich raus lassen, das Leben in vollen Zügen genießen. Wenn man als frisch angereister Ausländer Italiener in einer Unterhaltung sieht, kommt man nicht umhin neugierig zu werden, worum es um alles in der Welt geht. Aus der Ferne wirkt das alles äußerst aufregend und wichtig. Diese Offenheit und Energie macht es recht einfach sich zu integrieren; bring dich einfach ein und wenn du auch mal zu Wort kommen kannst, wird man schnell akzeptiert und geliebt.

Es gibt eine Kehrseite dieser südländischen Leidenschaft. Es scheint, dass sie sich so an das laute Leben gewöhnt haben, dass sie Lärm, jede Art von Lärm, nicht mehr wirklich wahrnehmen; geschweige denn sich davon stören lassen. Die Lärmbelästigung in der Umgebung unserer Wohnung ist so hoch – wenn alle Übeltäter zur selben Zeit auf Hochtouren kommen, kann es schwierig werden einen klaren Gedanken fassen zu können. Wenn ich meine Nachbarn darauf ansprechen ob der Lärm sie nicht stört, erwidern sie mit einem ruhigen Schulterzucken: „Was will man machen?“

Einige von euch können sich vielleicht den ersten Lärmverursacher in der Nachbarschaft erinnern. Das war der Hahn und der lebt und tritt heute noch. Da er es vermeiden konnte bisher als Mittagessen auf dem Tisch gelandet zu sein, scheint er jeden Tag so zu leben als wäre es nun mal sein letzter. Er schreit und kreischt jeden Tag die Hühner um sich rum an. Das startet eine Kettenreaktion in der Nachbarschaft. Es fängt an mit der Hündin, die unmittelbar unter meinem Fenster lebt. Sie bellt in einem konstanten, öden Rhythmus, den selbst sie ermüdend zu finden scheint. Ihre Possen mobilisieren die Jagdhunde, die eine Ecke weiter leben. Ich habe nie wirklich sehen können wie viele dort sind, da sie meistens eingesperrt sind. Aber ich schätze mal vorsichtig, dass es acht Hunde sind. Sie heulen und bellen mit so einem Nachdruck, dass es dich zusammenzucken lässt und bevor man weiß was los ist, geht es weiter mit Alarmanlagen, schreienden Kleinkindern und dem Hahn… schon wieder!

Ob Lärm oder Hektik, ich liebe Italien. Sie leben das Leben mit solch einer Energie, dass es schier unmöglich ist wütend zu werden. Auch wenn ihre Hunde dich die ganze Nacht wach halte. „Vergiss es einfach!“

Charlie

Geduld ist eine Tugend, scheint mir …

Mittwoch, August 18th, 2010

Geduld ist eine Tugend, scheint mir …

Der Staub der Tour de France hat sich lange gelegt. Die Preise wurden vergeben, das Podium demontiert und die “Best Of” DVDs sind bereits in Produktion. Auf mich jedoch wirft die Tour noch immer einen langen Schatten. Was zuerst wie eine normale Infektion schien, erweist sich mittlerweile als langwieriger Kampf. Um es kurz zu fassen: mein Körper scheint meine arbeitenden Muskeln nur noch erstaunlich ineffizient mit Kraftstoff zu versorgen. Ein durchtrainierter Ausdauersportler hat normalerweise einen unglaublich leistungsfähigen Körper, der bei äußerst intensiver Anstrengung Fett verbrennen kann. In letzter Zeit scheint sich mein Körper in die entgegengesetzte Richtung zu entwickeln. Wie viele Kalorien ich auch aufnehme, sei es vor oder auch während des Trainings, erwartet mich zwangsläufig während des Fahrens ein schwarzes Loch – ein langsamer, kräftezehrender Prozess, bei dem ich alle meine Energie verliere und regelrecht nur noch zu kriechen scheine, wie ein Schiff in Windstille … ohne Segel. Für die technisch versierten unter euch könnte man auch sagen, dass mein Motor funktioniert, die Einspritzanlage jedoch nicht.

Wenn man normalerweise mit bester Gesundheit gesegnet ist, dann ist es leicht zu glauben, dass die moderne Medizin einfach eine Diagnose stellt und danach vorzugsweise mit starken, wirksamen Medikamenten behandelt. In Wirklichkeit scheint es nicht immer so einfach herauszufinden zu sein, was denn überhaupt los ist. Das ist wohl insbesondere bei so anscheinend kleinen Unstimmigkeiten im Körper der Fall, die dann doch so weit reichende Folgen für einen Ausdauersportler haben. Ich habe mich geduldig von einem Arzt zum nächsten geschleppt, habe einige Bluttests über mich ergehen lassen, ohne Ergebnis. Das ist eine äußerst ärgerliche Situation. Wie die meisten Fahrer kenne ich meinen Körper in- und auswendig – und dann zu wissen, dass dieser nicht so funktioniert, wie er sollte und dafür keine Lösung zu kennen, ist gelinde gesagt frustrierend.

Seit ich mit sechzehn mit dem Radsport begonnen habe, gab es immer nur einen sicheren Weg um die meisten Probleme, mit denen ich konfrontiert wurde, zu lösen: mehr trainieren, besser trainieren. Das ist schon immer der Ausgleich, die Lösung für alles für mich gewesen. Sich richtig reinhängen, eine gute Arbeit abliefern und alles wird gut. Aber aktuell, vielleicht zum erstem mal für mich, lässt dies mein Körper nicht zu und zieht die Handbremse. Wenn man meinen engsten Familienkreis fragt, würde dieser vermutlich bestätigen, dass sie es derzeit nicht einfach mit mir haben. Ich streife unruhig umher, ohne die Anspannung loswerden zu können, weil ich eben die letzten zehn Jahre mit Problemen fertig wurde, indem ich mich auf mein Rad gesetzt habe bis ich völlig alle war.

Mit Hilfe meiner Familie und einiger kostbarer, enger Freunde versuche ich positiv zu denken. Ich trainiere zweimal pro Tag mit dem Versuch meinen “Motor” in Form zu halten und gebe meinem Körper auch die Zeit, sich zwischendurch wieder erholen zu können. Unser Teamarzt, der einzigartige und charismatische José Ibarguren Taus, ist von entscheidender Bedeutung, er denkt immer geduldig über Lösungen nach.. Aber es ist nicht so einfach immer fröhlich und guter Dinge zu sein wenn du eine Saison, die so gut begonnen hat, in deinen Händen zerbröckeln siehst. Die Tatsache, dass man nur einige wenige Wochen im Getümmel verbracht hat, tut sein übriges und eine Karriere, die auf festem Grund zu stehen schien, versinkt im Treibsand. Keine Leistungen bringen bedeutet keine neuen Angebote. Ich denke Radsportler sind wie Boxer oder Golfer: Selbstvertrauen ist alles. Man nährt sich an Erfolgen und wenn du es hinbekommst dieses empfindliche Gleichgewicht zu halten, dann schaffst du alles problemlos und fühlst dich unbesiegbar. Aber wenn dieser Ablauf gestört ist, kommen schnell Zweifel auf. Erinnerungen an frühere Leistungen, wie in meinem Fall der diesjährige Giro, verblassen schnell und man beginnt daran zu zweifeln, dass man jemals wieder so ein Niveau erreichen kann. Das war wirklich ich, der mit den besten Fahrern der Welt über den Gavia und den Zoncolan geklettert ist? Ist dieser sture und uneinsichtige Körper eben dieser, der mich so oft sicher durch die 3-Wochen Rennen der letzten zehn Jahre gebracht hat?

Was man jetzt braucht ist Geduld und Vertrauen. Ich sollte meinem Körper die Zeit zum Heilen geben und in die Fähigkeit der Ärzte und auch in meine eigene vertrauen. Die Zeit ist jedoch nicht auf meiner Seite. Die Uhr tickt und ich muss schnellstens wieder auf ein anständiges Niveau kommen um in der Fabrik namens Profiradsport wieder etwas vorweisen zu können. Jeder der mich kennt wird bestätigen können, dass Geduld nicht zu meinen Stärken gehört. Aber ich trainiere auch das. Ich versuche ein wenig zurückzuschrauben und meinen Körper wieder seine Balance finden zu lassen. Hoffen wir, dass etwas Karma hinter der nächsten Ecke auf mich wartet und ich beim nächsten Mal eine unbeschwerliche Geschichte schreiben kann – über das berauschende Leben von Englands bezauberndstem Profiradsportlicher. Oder Finnlands. Wie auch immer…

Ich fühlte mich wie ein Eimer übersät mit Einschusslöchern

Samstag, Juli 17th, 2010

Die Tour de France vorzeitig zu beenden ist eine sehr unangenehme Erfahrung, eine die ich bisher nie machen musste. Ich hoffe auch sehr, dass sich dies nicht wiederholen wird. Das ist ein grausamer Vorgang, der nur noch mehr zu deinem körperlichen Unwohlsein, das für die Aufgabe verantwortlich war, beiträgt. Ich konnte der Presse keine Wunden, Narben oder gebrochene Knochen zeigen. Nur ein langsames, schmerzvolles Entrinnen meiner Kräfte. Ich habe mich wie ein von Kugeln durchlöcherter Eimer gefühlt aus dem links, rechts und in der Mitte meine Energie abfloss. Alles, was ich an Nahrung oder Flüssigkeiten zu mir nahm, schien zu verfliegen. Und meine Beine wurden von Stunde zu Stunde schwächer. Ich hatte keine Kraft mehr und wurde im Feld immer weiter nach hinten durchgereicht. Mir wurde bewusst, dass ich ein Problem habe, als, während ich krampfhaft versucht am Ende des Feldes zu bleiben, viele der anderen Fahrer für eine Pinkelpause anhielten.

Die Nacht, eigentlich die beste Zeit, wurde zur Qual. Am Tag war die Haut noch klebrig und feucht verschwitzt, nachts vergrub ich mich in den Decken, um mich zu wärmen. Nach dem Aufstehen fühlte ich mich müder als noch am Abend zuvor, mit Grauen auf die Strapazen blickend, die am Tag auf mich warten würden. Mein sonst von Außenstehenden so bestaunter Appetit war nicht vorhanden. Am Frühstückstisch saß ich nur da und blickte mein Essen an, während mein Magen nur Wasser zu wollen schien. Immer mehr Wasser und meine Lippen blieben trocken.

Wenn man in schlechter Verfassung ist, aus welchem Grund auch immer, dann sind das ganz andere Beschwerden, als die, die der Kerl an der Spitze des Rennens verspürt. Wenn man gut in Form ist, ist das Verausgaben bis zum Schmerz fast schon ein Vergnügen. Man geht darin regelrecht auf. Man merkt, wie schnell man fährt und fragt sich, ob da noch mehr drin ist; man steigert sich regelrecht rein. Wenn man jedoch so niedergeschlagen ist scheinen sich Weg und Wind gegen dich zu vereinen. Keine Übersetzung scheint die richtige zu sein, das Rad scheint das eines anderen Fahrers zu sein und was man auch versucht, man ist immer an der Kante, eine Pedalumdrehung davon entfernt, den Anschluss zu verlieren.

Und dann kam die letzte Nacht. Ich ging früh ins Bett, fühlte mich vollkommen leer nach einem Tag am Ende einer Gruppe, die laut Presse „auf Siesta“ war. Aber der sonst übliche und so begehrte, entspannende Schlaf war einfach nicht möglich. Die ganze Nacht durch drehte ich mich mit offenen Augen von links nach rechts. Ich fühlte mich, als hätte mich ein Mechaniker auf 8 bar zu einem angeschwollenen, schwitzenden Wrack aufgepumpt. Völlig benebelt bemerkte ich durch die Gardinen die ersten Sonnenstrahlen und wusste, dass die Mechaniker gleich mit der Arbeit anfangen würden. Ich war die ganze Nacht wach gewesen. Ich bin dann zum Spiegel gegangen und habe einem leeren, alten Mann in die Augen geschaut.

Und dann habe ich etwas gemacht, was ich bis dato noch nie gemacht habe und hoffentlich nie wieder machen werde. Ich bin zu unserem Team-Manager Marc Sergeant gegangen und habe gesagt, dass ich nicht weiter fahren kann. Das wars.

Innerhalb von Sekunden hat sich meine Welt verändert. Ich wurde verdrängt. Ein Fahrer, der nicht startet. Der Rest des Teams ist mit den Vorbereitungen zur Etappe beschäftigt und ich beobachte sie. Du weißt nicht wo du sitzen sollst, es ist als wärst du durchgehend im Weg. Dann die Fahrt zum Start, Teamsitzung, Fans, Presse… die Tour eben. Aber ich bleibe im Bus sitzen mit einem riesigen Druck aus Schuld und Scham auf meinen Schultern. Ich vergesse meinen physischen Zustand und rede mir ein, ich hätte weiterfahren sollen. Ich bin ein Drückeberger, ein Versager.

Leute im dich rum wissen nicht, wie sie mit dir umgehen sollen, als wäre jemand oder etwas gestorben. Die einen geben mir einen Klaps auf die Schulter, ein paar nette Worte – andere meiden mich, schauen weg, fast als hätten sie Angst davor, ich könnte sie infizieren. Nicht nur mit einem Virus, sondern auch mit Versagen. Ich will einfach nur noch in ein Loch im Boden kriechen, so weit weg von der Tour de France wie nur möglich.

Wie konnte es soweit kommen? Ich bin einen meiner besten Giros gefahren, habe im Juni wie ein Mönch gelebt und bin auch im elften Jahr wieder voller Träume zur Tour gefahren. Wie kindisch und naiv. Irgendwas, ich weiß nicht was es war, habe ich mir eingefangen und es fing an, alle meine Pläne zunichte zu machen. Und die Ironie daran ist, dass es vermutlich etwas ganz banales wie ein Magen-Darm-Virus oder sonstwas ist. Aber die Tatsache bleibt, dass es ausreichte, um mich nach Hause kriechen zu lassen. Schwach und bleich, mit eingezogenem Schwanz.

Charles Wegelius muss aus der Tour de France aussteigen

Freitag, Juli 16th, 2010

Omega Pharma-Lotto Fahrer Charles Wegelius hat sich nach einer schwierigen Zeit durch die Alpen aus der Tour zurückgezogen. Wegelius ist nicht zum Start der 11. Etappe von Sisteron – Bourg-lès-Valence angetreten. Auf der 8. Etappe nach Avoriaz war er noch fit, musste jedoch auf der schwierigen 9. Etappe nach Saint-Jean-de-Maurienne ziemlich leiden und kam mit über 34 Minuten Rückstand in einer Gruppe mit Mark Cavendish und Robbie McEwen ins Ziel. „Es war wirklich ziemlich grausam“, sagte Wegelius der Cycling Weekly in Chambery. „Es wurde über die Dauer der Etappe nur noch schlimmer. Sogar in der Gruppe mit den Sprintern – bei allem Respekt – hatte ich Probleme dran zu bleiben. Da sollte ich eigentlich nicht mitfahren, was auch immer man über meine Fähigkeiten sagt.“
„Ich hoffe das war einfach nur ein schlechter Tag – aus welchem Grund auch immer. Ich bin nicht krank… glaube ich zumindest.“ Aber auf der Etappe nach Gap erging es Wegelius nicht besser. Obwohl er das Rennen in der zweiten Gruppe beenden konnte und er auf dem 108. Rang der Gesamtwertung lag, wurde entschieden ihn aus dem Rennen zu nehmen. „Seit dem Ruhetag habe ich nicht viel Nahrung in mir behalten können“, so Wegelius gegenüber den Medien in Sisteron. „Ich glaube ich habe auch etwas Fieber.“ Wegelius ist auf dem Weg nach Hause, aber er weiß nicht, ob er nach seinem Ausstieg die Tour im Fernsehen anschauen kann. Er hat vollstes Vertrauen in Jurgen Van den Broeck, seinen Teamkameraden bei Omega Pharma-Lotto und ist überzeugt, dass er seine gute Platzierung halten kann. „Ich sehe keinen Grund, warum er mit den Jungs nicht mithalten sollte.“

Ein Tag voller Schmerzen

Dienstag, Juli 13th, 2010

Heute war einer der härtesten Tage, die ich jemals auf dem Bike hatte. Die Schmerzen, die ich heute hatte waren wirklich heftig. Ich habe die ganze Zeit versucht, meinen Körper zu irgendetwas zu überreden, was er partout nicht tun wollte. Meine Aufgabe war es, in einer Ausreißergruppe dabei zu sein. Lachhaft, wenn man bedenkt, wie der Tag ausgegangen ist. Es wär wirklich gut für das Team gewesen, wenn es einen Fahrer wie mich einige Minuten weiter vorne gehabt hätte und er Jurgen Van den Broeck im Finale hätte helfen können. Leider spielt das Leben einem manchmal Streiche.

Beim ersten Anstieg hatte ich schon kein gutes Gefühl. Mein Körper war nicht in der Verfassung für Bestleistungen. Aber ich habe ja schon ein bisschen Erfahrung, darum habe ich mir selbst gesagt, nicht in Panik zu verfallen. Die Dinge haben sich dann vom Schlechten ins Schlechteste gewandelt. Ich konnte keine Kraft mehr aus meinen Beinen holen und das ganze Essen und die Getränke schwammen nur in meinem Magen, fanden aber nie den Weg in die Beine.

Im Laufe des Tages habe ich mich immer schwächer gefühlt. Ich hatte sogar Probleme der Sprintergruppe zu folgen. Mein Körper schmerzte überall und als ich nochmal alles daran legte die Etappe zu schaffen, merkte ich sogar Schmerzen in meinen Armen. Ich muss zugeben, ich habe mich mehrmals gefragt, ob ich das Ziel erreichen werde. Das Grupetto mit den Sprintern war meine Sicherheit. Ich wusste, wenn ich bei ihnen bleiben kann, werde ich innerhalb der Karenzzeit ankommen. Aber mein Körper schien sich gegen mich zu verschwören und wollte nicht in der Gruppe mitfahren. Ich pendelte wie ein Yo-Yo immer an das Ende der Gruppe und musste danach wieder abreißen lassen. Immer, wenn ich den Anschluss verloren habe kam Panik in mir auf, da ich die Monate harter Arbeit bergab Richtung Tal rollen sah.

Und das ist der Grund, wie und warum ich es ins Ziel geschafft habe. Wie auch immer – mein Körper hat heute gedacht, er kann Monate harter Arbeit und die Zeit, die ich nicht zuhause bei meiner geliebten Frau sein konnte, die Toilette runterspülen. Ich bin aber bis ins Ziel gekrochen und als ich im Hotel ankam bin ich ins Bett gekrochen. Aber morgen werde ich meinen Körper wieder überzeugen, dass diese Dinge getan werden müssen. Denn das ist es, was ich schon immer gemacht habe – und ich werde es jetzt nicht ändern.

Charlie

Chaos und Wutanfälle während der Tour

Sonntag, Juli 11th, 2010

Ich denke eine Sache, die Radrennfahrer wie keine anderen Sportler ertragen müssen, ist das Chaos nur wenige Meter hinter der Ziellinie. Also selbst Rennpferde haben die Möglichkeit noch auszutraben und runter zu kommen bevor sie dem Publikum vorgeführt werden. Egal ob Sieger oder Verlierer. Wir Radrennfahrer müssen jedoch jeden einzelnen Tag eine Vollbremsung hinlegen – oftmals direkt nach einem 65 km/h Zielsprint oder einer zähen Bergetappe.

Sobald wir die Linie überquert haben, müssen wir durch den Dunst von Laktose und Adrenalin als erstes die Fotografen passieren. In hochklassigen Rennen wie der Tour sind diese exakt eingeteilt und verhalten sich ordentlich. Auf der Straße sind Bereiche aufgemalt hinter denen sie bleiben müssen. Das ist alles recht gut organisiert – so können sie ihre Aufnahmen vom Zieleinlauf machen und wir kommen an ihnen vorbei. Dahinter herrscht wildes Durcheinander. Wirklich jeder scheint auf der Straße zu stehen, um die beste Position bemüht. Journalisten kämpfen um das erste Zitat, Masseure versuchen sich um die erschöpften Fahrer zu kümmern bevor sie vollends am Ende sind, Fotografen suchen die besten Motive. Es ist ein reines Chaos.

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Stellt euch jetzt vor, das alles findet auf nur acht Metern Asphalt unter der gleißenden Sonne statt. Gebt das Adrenalin aus dem Wettkampf dazu, Freude und Enttäuschung und ihr habt einen Cocktail für überkochende Nerven. Man beachte auch, dass zu dem Zeitpunkt, zu dem Fahrer wie ich ankommen, die Straße oftmals vollständig von einer hysterischen Menge von Menschen blockiert ist. Es braucht nicht selten mehrere Minuten bis wir uns unseren Weg durch die Menschen bahnen können. Mal flehend, mal eine Personen etwas kräfiger zur Seite drückend. Nur so kommen wir zu unseren erfrischenden Getränken und finden im Bus Unterschlupf.

Nach einem Tag harter Arbeit, lärmender Motorräder, Hubschrauber und Stress kann es wirklich schwer sein, cool in der Höhle des Löwen wie der Zielzone der Tour zu bleiben. Wir sollten natürlich alle entspannen und uns gegenseitig respektieren. Und wir als Vorbilder sollten natürlich nicht bei jedem Anschein von Irritation oder Müdigkeit einen Wutanfall bekommen. Aber auch wir sind Menschen und es ist eben dieses Menschsein und die Zerbrechlichkeit, die die Attraktion des Radrennsports ausmachen. Wenn du am Anstieg stehst und den Fahrer leiden siehst, ist dieser Schmerz für dich offensichtlich – er ist nicht hinter einem Lenkrad und einem Helm versteckt. Das ist real. Und reale Menschen ärgern sich.

Mensch gegen Mücke, Ausreißer gegen Peloton

Mittwoch, Juli 7th, 2010

Ich versuche gerade etwas Intelligentes und Informatives für euch da draußen zu schreiben, aber ich muss zugeben, es ist heute nicht gerade einfach. Das Problem ist, dass mein Zimmernachbar Matt Lloyd auf der Jagd nach Mücken im ganzen Raum herumtobt. Als „Waffe“ hat er sich für ein Handtuch enschieden. Ich glaube nicht, dass das die beste Wahl war. Jedes Mal, wenn er mit dem Handtuch wild um sich geschlagen hat, hat er die Mücken alarmiert und ihnen verraten, was er vorhat. Sie müssen sich halb totgelacht haben, bei dem Anblick der zwei mageren Jungs, die in ihrem Raum herumlaufen.

Um das mal klarzustellen: es ist ihr Raum. Sie haben sich hier eingerichtet und wir sind nur zu Besuch. Im Moment sehe ich sechs von ihnen und in dem Moment, in dem Matt mit dem Handtuch auf sie zukommt, flattern sie total entspannt zur nächsten Wand. Die halten ihn zum Narren. Das erinnert mich irgendwie an das Peloton. Es war ziemlich desinteressiert und lahm während es ein Auge auf die Ausreißer geworfen hat. Es sah aus, als würden die Fahrer es genießen, dass die Spitzengruppe sich nur ein paar Minuten nach vorne abgesetzt hat. Dann haben sie sich einmal etwas angestrengt und die ganze Lücke wieder geschlossen. Quasi als Beweis um zu zeigen, wie einfach es sein kann. Diese Schweine!

Es ist viel schöner, wenn die Ausreißer es schaffen. Wenn der Fahrer, der sich über Stunden abrackert, den die Fernsehzuschauer kennen und lieben gelernt haben, belohnt wird. Die Kommentatoren haben jede noch so kleine Anekdote und Story aus seinem Leben erzählt und die Zuschauer mögen es, wenn die wenigen tapfer kämpfenden Fahrer gegen die Überzahl hinter ihnen fighten. Und dann kommt das Peloton, schluckt sie einfach so und irgendein Typ den wir den ganzen Tag noch nicht gesehen haben – versteckt im Windschatten der anderen, ohne eine Schweißperle im Gesicht – fährt jubelnd über die Ziellinie. Für gefühlt zum 17. Mal in diesem Jahr.

Aber das Leben ist hart und meistens gewinnt das Hauptfeld. Matt wurde müde, blickte bedröppelt drein und zog sich aus um unter die Dusche zu springen. Er murmelte noch irgendetwas von wegen, dass er sie sich später krallt. Vielleicht ohne Handtuch.

Schlaft gut Leute
Charlie

Das Schicksal eines Helfers

Montag, Juli 5th, 2010

Manchmal wünschte ich mir, ich hätte eine Helmkamera auf, damit ihr alle einige der verrückten Geschichten während der Tour sehen könnt. Zum Beispiel auf der zweiten Tour-Etappe: es gab während einer schnellen Abfart in einer Linkskurve einen Sturz. Es hat ausgesehen, als ob jemand eine Handgranate in das Feld geworfen hat. In dem Moment als ich meinen Teamkameraden Mika Delage am Boden sah war mir klar, dass es nicht gut für ihn aussieht. Er hatte eine große Wunde und man konnte ihm die Schmerzen aus dem Gesicht ablesen. Es ist immer schlimm, wenn du siehst, wie ein anderer Fahrer Schmerzen hat. Aber es ist noch einmal eine andere Sache, wenn es ein Fahrer aus deinem Team ist. Mika ist ein Mordskerl, immer für einen Lacher zu haben und ein wirklich guter Fahrer. Wir werden ihn während der Tour vermissen. Es geht ihm zwar nicht besonders gut, aber wenn man bedenkt, was für einen Speed wir drauf hatten, hatte er Glück im Unglück.

In der gleichen Rennsituation ist auch unser Kapitän Jurgen VDB gestürzt. Wir standen da und haben eine kleine Ewigkeit auf ein neues Rad für ihn gewartet und dann fing die Arbeit an. Wenn du am Straßenrand stehst und die Tour mit vollem Speed an dir vorbeiziehen siehst, fragst du dich, ob du überhaupt nochmal zurückkommen kannst. Mit der Hilfe unseres Ex-Kollegen Johan Vansummeren, der auf Christian Vandevelde gewartet hat, sind wir so schnell gefahren wie wir nur konnten. Am nächsten Anstieg haben wir dann endlich die Rücklichter der Teamfahrzeuge gesehen. Der Schein trügt aber. Denn man sollte nicht glauben, dass man es schon geschafft hat. Das Problem ist, bei den großen Rennen gibt es 44 Teamwagen, die alle hinter dem Peloton herfahren! Das bedeutet, dass du noch locker einen Kilometer vom Fahrerfeld entfernt sein kannst, wenn du bei den Autos angekommen bist. Mario Aerts, „Summie“, Seba Lang und ich haben nochmal richtig reingetreten und es letztendlich zurück ins Feld geschafft.

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Das ist das Schicksal eines Helfers. Ich glaube nicht, dass irgendwer zuhause am Fernseher mitbekommen hat, was da genau passiert ist. Aber in diesen paar Kilometern habe ich die meisten Körner des Tages verloren und mich für den Rest der Etappe müde gefahren. Oft komme ich einige Minuten nach dem Sieger ins Ziel und die Leute fragen mich „Bist Du vom Weg abgekommen?“ oder „hast es heute mal etwas ruhiger angehen lassen, oder?“. Ich versuche dann immer so freundlich wie möglich zu reagieren. Woher sollen die Leute auch wissen, was alles in einem Rennen passiert. Aber manchmal wünschte ich mir, ich könnte die alte Videokamera rausholen und den Leuten zeigen, was wir an einem solchen Tag gemacht haben.

Also: Spart euch etwas Jubel für uns Nachzügler auf, die die ganzen Alpen oder die Pyrenäen hinter dem eigentlichen Renngeschehen fahren. Es sind vielleicht alles hart am Limit fahrende Kämpfer, die eure Unterstützung gebrauchen können.