Archive for the ‘Sebastian Lang Tour Blog’ Category

Sinnlose Raserei…

Dienstag, Juli 19th, 2011

Anscheinend waren alle vom Ruhetag so sehr ausgeruht, dass es heute eine echte “Hatz” war. Nach etwas mehr als zwei Rennstunden hatten wir 105 Kilometer auf dem Tacho stehen und das bei einem durchschnittlichen Wattwert von 310! Erst nach der sinnlosen langen Raserei konnten sich 10 Fahrer absetzen. Zwar habe ich es immer wieder probiert, aber es hat nicht gereicht und das war wohl auch besser so. Heute hätte ich nicht die Beine gehabt um da vorne wirklich mit zu fahren.

Etwas Gutes kann ich diesem Tag dennoch abgewinnen, wir hatten wieder sehr schnell Feierabend. Dafür kommen am Mittwoch und Donnerstag sehr lange Tage auf uns zu. Nun zähle ich die Tage bis es hoffentlich Sonntag ist und ich wüsste, dass ich meine siebte Teilnahme auch beenden konnte.

Wir hatten aber vor dem Rennen noch viel zu lachen. Erst ist Philippe Gilbert mit dem Bus den letzten Kilometer zum Start gefahren. Wie täglich stand die Presse vorm Bus und wollten Interviews vom belgischen Meister und Jelle Vanendert dem Führenden in der Bergwertung. Marcel Sieberg hat dann spontan das Trikot von Philippe angezogen und ist raus, da haben die Leute vorm Bus nicht schlecht geschaut. Und wir lagen lachend am Boden im Bus. Danach zog André dann das Bergtrikot an und ist ebenfalls raus gegangen. Wir konnten nicht mehr vor lachen und hatten einen Riesen Spaß. Also wie ihr seht, selbst wenn wir täglich Leiden, ist die Stimmung gut.

Bis morgen, dann wohl aus Italien
Euer Seppel

Wenn 100 Fahrer wie wilde Stiere in eine Stierarena stampfen…

Donnerstag, Mai 19th, 2011

Heute war eine der Etappen die am liebsten von jedem gewonnen werden möchte. Jedes Team will einen in der Spitzengruppe dabei haben. Wenn nicht, wird also zu gefahren. Das Profil der Etappe, hoch oder runter, also ähnlich einer Achterbahn. Und von Kilometer Null haben alle Stiere ihren Auslauf bekommen.

Schnell, Schneller am Schnellsten das war heute das Motto. Es hat einige Berge und Abfahrten gedauert bis sich eine elf Mann starke Spitzengruppe absetzen konnte. Und wie in der Stierarena gab es bis zu diesem Zeitpunkt einige Ausfälle. Fast alle Teams haben einen oder mehrere Fahrer auf den ersten 60 Kilometern verloren. Diese mussten dann den ganzen Tag gegen die tickende Uhr weiter kämpfen, da heute nicht viel Karenzzeit auf den ersten Fahrer im Ziel aufgerechnet werden konnte.

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Schließlich haben sich die meisten Stiere dann doch ihre Hörner abgestoßen und sich etwas beruhigt. So wurde das Rennen etwas kontrollierter und “entspannter”.

Eines kann ich euch Zuhause aber versichern, solche Tage sind der pure Radsport-Wahnsinn! Da bleibt keine einzige Minute übrig für einen Smalltalk, mit den deutschen Kollegen, keine Zeit mal für kleine Jungs am Straßenrand anzuhalten. In meinen Augen sind solche kurzen Etappen auch viel spannender und interessanter als diese überlangen Etappen. Wenn es nach mir gehen würde, wäre das eines der ersten Dinge die ich im Radsport ändern würde.

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Ansonsten geht es mir gut und ich blicke heute bereits auf die ersten Etappen in den Dolomiten. Zwar kommt morgen noch eine Sprintetappe, aber danach wird es keinen einzigen Tag mehr geben wo die Sprinter am Ende mit 70 Stundenkilometern den Zielstrich überqueren.

Bis Morgen, Euer Seppel

Der traurigste und zugleich glücklichste Moment dieser Tour

Sonntag, Juli 25th, 2010

Heute früh noch mit dem TGV bis an den Rand von Paris gefahren und nach 102km ist die Tour de France nun zuende. Es ist und war erneut das absolut emotionalste Erlebnis in meiner Karriere. Wenn du die Schlussrunden fährst, mehr als 200.000 Menschen an der Strecke stehen und das im Zentrum von Paris, ist es Gänsehaut pur. Endlich saß ich auch mal in der ersten Klasse im TGV (Zug) zum Start der Etappe. Das war mehr als entspannend und angenehm.
Nach dem Zieleinlauf ging es zum letzten mal zurück in den Teambus. Es gab Sekt und wir alle waren voller Freude. Fünfter Platz in der Gesamtwertung von VDB und alle Erwartungen erfüllt. Klasse Team, top Atmosphäre, immer motiviert und auch nach den Etappen viel zu lachen an unserem Fahrertisch. Eine der schönsten, wenn nicht die schönste Frankreichrundfahrt.

Doch ein wenig Wehmut und Traurigkeit habe ich auch empfunden. So saß ich dann im Bus und vor allen anderen Teambussen standen Fahrer mit ihren Frauen und Kindern und konnten diesen Moment genießen. Trotz dieser erfolgreichen, wundervollen und starken Tour haben mir mein Sohn und meine baldige Frau in diesem Moment unendlich gefehlt. Werde diesen Abend genießen und morgen dann zurück sein und meine beiden so sehr umarmen.

Die Tour ist auch das einzige Rennen, wo man als Team nach dem Rennen eine Ehrenrunde dreht. Seppel hat dann spontan das Rennrad mit einem Motorrad eines Fotografen getauscht. 500 Meter auf dem Motorrad war echt cool, besser als die 3650km, die nun hinter mir liegen. Das war echt ein riesen Spaß.

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Wir werden nun alle zusammen Abendessen und wer weiß, was dann der Abend noch bringt. Erfahren werdet ihr das vielleicht im nächsten Jahr, wenn ich erneut einen Blog schreibe. Dann lüfte ich das Geheimnis um diesen Abend in Paris.

Von meiner Seite war es das, und ich hoffe das alle Leser Spaß hatten, manchmal auch das geschriebene emotional nachempfinden konnten und so einiges von mir und uns als Team erfahren konnten.

Salut, Ciao, Servos, Goodbye, tot ziens und adios, Euer Seppel

Shoppen nach dem Zeitfahren

Samstag, Juli 24th, 2010

Jetzt steht es fest, Jurgen Van Den Broeck belegt den fünften Platz in der Tour de France 2010. Während die Fahrer im Klassement um das Podium gefahren sind, hat Fabian Cancellara ganz souverän auch dieses sehr lange Zeitfahren für sich entschieden.

Mit wenig schlaf hat der Tag begonnen und er hatte noch einiges an Überraschungen für mich offen. Ich glaube das nun, nach dem der Druck von den Schultern gefallen ist, meine Gedanken doch intensiv bei meiner bevorstehenden Hochzeit sind. So gingen mir tausend Dinge durch den Kopf und nur mit Hilfe der “Schafe zählen” gelang ich gegen 02:00 Uhr ins Traumland.
Dementsprechend war ich am morgen gerädert und musste die doppelte Dosis an Kaffe zu mir nehmen, um in den Tag zu starten. Es blieb noch etwas Zeit, um im Internet zu surfen und mit einer kurzen aber intensiven Aufwärmphase ging es um 13:01 Uhr von der Startrampe. Am Ende war es ein 25.Platz, doch es wäre noch was drin gewesen. Als ich nach 20km den Fahrer vor mir aufgefahren hatte, hat der sich doch tatsächlich an mein Hinterrad gehangen. Nach 10min gingen dann alle Emotionen mit mir durch. Wenn du voll Anschlag fährst und Gegenwind hast, dann weißt du genau, wie einfach er es hat. Kein Kommissär weit und breit. Also habe ich ihn vor lauter Emotionen voll getextet und sogar eine Vollbremsung hingelegt. Dann an seinem Hinterrad gehangen und ihn weiter zugetextet.

Viel besser war aber die Aktion mit meinen Zimmerkollegen Francis De Greef nach dem Zeitfahren. Zusammen sind wir in ein Shoppingcenter ganz in die Nähe gefahren, um schnell etwas zu kaufen. Jetzt fragt ihr euch, was müssen die den so wichtiges kaufen. Ganz einfach, außer meiner Teamkleidung habe ich nicht einmal eine Jeans dabei. Also haben wir für morgen Abend etwas “normales” zum Anziehen gekauft. Wir dachten, dass wir ohne Probleme zu Fuß zurück laufen können. Doch zwischen dem Einkaufszentrum und dem Hotel war eine Autobahn, ein Baumarkt und ein IKEA. Nach 15min standen wir zwischen IKEA und Autobahn, haben eine Brücke in 200 Metern Entfernung erspäht und das sollte unser Ziel sein. Nur so konnten wir auf die andere Seite gelangen um in das Hotel zu kommen. Doch da war ein Zaun im weg und viel Gestrüpp. Spontan haben wir so ein kleines Abenteuer erlebt und sind da rum geklettert und durch des Gedicht gewatschelt. Am Ende haben wir unser Hotel erreicht, aber die Beine haben echt weh getan. Mal was anderes, um nach über einer Stunde auf dem Zeitfahrrad seine Muskeln zu lockern.

Wenigstens habe ich nun eine Jeans und bin so vorbereitet für einen schönen Abend in Paris. Und morgen wird meine sechste TdF zu Ende gehen, ganz egal was noch kommt. Mit einem Giro d’Italia und einer Vuelta Espania habe ich nun acht große 3-Wochen Rundfahrten bestritten und alle beendet.

Bis morgen, Euer Seppel, mit Jeans…

Gänsehaut und andere emotionale Erscheinungen

Donnerstag, Juli 22nd, 2010

Wenn im Team Radioshack noch einmal über Teamfunk gesagt wird “Los Lance, noch einmal alles, dass ist der letzte große Anstieg in deiner Karriere”, dann bin ich nicht mehr von der Partie, und erfahre solche Infos von einem Teamkollegen von Lance Armstrong.

Es war aber auch die letzte Bergwertung für diese Tour de France. Nach dem gestrigen Ruhetag stand die letzte Pyrenäen Etappe heute an und das mit einer Bergankunft auf dem “Col du Tourmalet”. 2115 Meter über dem Meeresspiegel endete diese Etappe und wir haben als Team erneut ein gutes Rennen bestritten. Besonders Jurgen VDB hat bis zum Ziel gekämpft und die Zähne zusammen gebissen. So verteidigte er erneut seinen 5.Platz in der Gesamtwertung.

Auf allen Bergetappen standen unwahrscheinlich viele Fans. Doch heute am Tourmalet war echt die Hölle los. Wenn du dann durch dieses enge Spalier aus schreienden Menschen fährst wird dir schon anders. Du bekommst auch ab und an Gänsehaut, so emotional geht einem das zu Gemüte. Die seltenen Momente in denen auch dein Name gerufen wird sind wirklich toll. Generell ist es schön, dass trotz aller Diskussionen weiterhin genügend Menschen zwischen schwarz und weiß unterscheiden können. Mir zeigt das immer wieder, dass es Sinn macht weiter zu machen, denn da draußen gibt es genug, die nicht nur auf das hören, was in den Medien erzählt wird. Sie machen sich ihr eigenes Bild und habe im Gegensatz zu vielen anderen eine eigene Meinung und nicht die der Medien.

Für mich war es ein harter Arbeitstag und der Moment, an dem ich die Tempoarbeit vorm Feld mache, ist genauso emotional wie die Fahrt durch das Spalier bergauf. Fotografen halten es fest, Kamerateams senden diese Livebilder rund um den Globus und Reporter berichten aktuell von dem Renngeschehen. So schrieb mir ein sehr guter Freund nach der Etappe wie cool er es fand, mich da im Fernseher leiden zu sehen. Und ganz im Ernst, dank all meiner Freunde Zuhause überwinde ich mich Tag ein Tag aus und freue mich, dass sie so auch mal mein Gesicht sehen. Auch wenn es in diesen seltenen Momenten sehr verzerrt ist.

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Morgen hoffe ich auf eine typische Sprintetappe um einfach mal im Feld mit zu rollen. Nur noch drei Tage und diese Tour ist zuende, meine sechste Teilnahme, aber vielleicht nicht die letzte.

Bis morgen, Euer Seppel

Kook Eiland – Ein Kochteam mit jahrelanger Erfahrung

Mittwoch, Juli 21st, 2010

Die Tour de France ist zu Recht das schwierigste und härteste Rennen, welches man fahren kann. Das liegt nicht nur an den 21 Etappen, die zu bewältigen sind und den drei Wochen Radrennen am Stück. Schließlich gibt es ja noch zwei andere drei Wochen Rundfahrten. Aber im Gegensatz zu allen anderen Radrennen nominiert jedes Team seine absolut besten Fahrer und ist von Anbeginn der Saison darauffokussiert, bei diesem Sportevent mit maximalen Erfolgen zu überzeugen.

Wir als Fahrer haben mit allen möglichen Umständen tagtäglich zu kämpfen. Die langen Etappen über 200km, das Wetter, welches sowohl für Hitzeschlacht sorgt oder auch für Sturzgefahr bei Regen und natürlich extreme Geschwindigkeiten sowohl im Spitzenbereich als auch im Durchschnitt. Und schließlich die Etappenprofile, die es immer wieder in sich haben. Alpen und Pyrenäen müssen überwunden werden um irgendwann in Paris anzukommen. So verbringen wir die meiste Zeit mit Rad fahren, Schlafen und Essen.

Und Essen ist ein absolut wichtiger Punkt im Leben eines Radprofis. Mittlerweile haben fast alle Mannschaften ihren eigen Koch mit dabei. Bereits im Vorfeld zur Tour wird genau zusammengestellt welche Mahlzeiten es geben soll und was wichtig ist. Unser Kochteam von “Kook Eiland” ist ein echtes Top Team. Die Jungs sind immer auf Zack, wissen genau was sie tun und liefern Mega Gerichte ab. Manchmal komme ich mir nach einer harten und quälenden Etappe vor wie im Traumland. Du sitzt am Tisch und ein Gang nach dem anderen wird dir serviert. Man muss nie lange warten bis man etwas im Magen hat, es ist immer ausreichend und gut zusammengestellt. Selbst am Ruhetag wird darauf geachtet, dass die Mittags Mahlzeit nicht zu kohlenhydratreich ausfällt. In drei Wochen gibt es wirklich eine Menge verschiedenster Dingen, die wir gegessen haben am Ende. Eines bleibt aber immer gleich, Pasta und Reis am Abend, sowie Pfannkuchen und “gewonnenes Brot” zum Frühstück. Gewonnenes Brot ist Toastbrot, welches in eine Art Eier-Milch-Zitronen Mix eingelegt wird und dann leicht in der Pfanne angebraten wird, ähnlich dem “French Toast”.

Wenn man dann wieder Zuhause ist, ist es erst einmal ungewohnt, wenn du Abends und Morgens nicht bekocht wirst, und wieder selbst Hand anlegst. Wie ihr also seht, werden wir nicht nur durch eine tägliche Massage verwöhnt, auch kulinarisch werden wir immer wieder überrascht.

Bis morgen, Euer Seppel

Königsetappe und dem Ziel wieder einen Schritt näher

Dienstag, Juli 20th, 2010

Mit 200 Kilometern und 4439 Höhenmetern hatte es die dritte Pyrenäen Etappe und zugleich Königsetappe dieser Frankreichrundfahrt in sich. Der Tag begann schon ganz ungewohnt für mich. Denn normalerweise gehöre ich zu den Ersten am Frühstückstisch, doch heute morgen waren fast alle vom Team schon fertig oder bereits längere Zeit am Tisch. Eines kann ich definitiv sagen, verschlafen hatte ich keineswegs.

Da wir immer am Vortag einen A5 Zettel erhalten, auf dem die wichtigsten Informationen für den nächsten Tag stehen, weiß man eben auch, wann Frühstück ist, die Koffer gepackt sein müssen, der Bus zum Start fährt und wie lange es nach der Etappe in das nächste Hotel ist. Meistens bin ich bis zu 30 Minuten eher beim Frühstück als uns das dieser Ablaufplan rät. Wie ihr aber sehen könnt, kann eine Königsetappe sogar den Einfuss auf eigentliche Gewohnheiten verändern. Und so wird ein Langschläfer schonmal zum Frühaufsteher.

Generell merkst du, dass vor einer solchen Etappe sich alles etwas anders verhält. Im Bus passiert dann alles auch etwas schneller, es wird weniger gesprochen und die Rennfahrer sind bereits 30 Minuten vor dem Start draußen unterwegs. Nennen wir es aufgescheuchte Renner, die es einfach nicht abwarten können, dass es los geht. Genau so war es dann auch, bei Kilometer Null war die entspannte Körperhaltung vorüber und erst nach 5h57min haben sich alle meine Muskeln gelockert. Im Rennen selbst haben wir als Team heute viel Charakter gezeigt und Verantwortung übernommen. So musste ich als erster von uns ran und nach dem ersten Berg voll fahren. Im Tal zum zweiten Anstieg, dem Col d’Aspin, habe ich mir die Lunge aus dem Leib gefahren. Es gelang mir einen Abstand von 1min10sek auf 28sek zu minimieren. Und mit Blei in den Beinen ging es dann in diesen Anstieg. Mario Aerts und Matthew Lloyd, der sich von vorne extra zurück fallen lassen hat, haben dann weiter Führungsarbeit geleistet. Die Teamleitung und auch wir als Fahrer waren echt stolz auf diese Leistung. So haben wir dazu beigetragen an diesem schweren Tag den 5.Platz von Jurgen VDB in der Gesamtwertung zu verteidigen. Schließlich waren in dieser großen Gruppe viele gute Fahrer, die kurz hinter ihm im Klassement stehen.

Von da an hieß es nur noch den Tag überstehen und in das Ziel kommen. Eine wahre Kletterpartie aber leider nach dem letzten großen Pass des Tages noch sehr weit bis in das Ziel. Da fragst du dich schon manchmal, wieso die Organisatoren die Etappenführung so gewählt haben. Für einen Fahrer war es gut so, denn im Kampf um das grüne Sprinttrikot konnte Thor Hushovd so seinen Punktevorsprung weiter ausbauen. Eine sehr beeindruckende Leistung für einen “Sprinter”, wenn du vorne mit ankommst.

Zweiter Ruhetag und wieder ein Stück näher an Paris und dem Ende dieser Tour de France. In wenigen Tagen wissen wir ob Seppel seine sechste Tour der Leiden erneut beenden konnte. Für mich eines der größten sportlichen Überwindungen in meinem Leben, auf das ich immer wieder stolz bin, wenn ich es geschafft habe. Fühlt sich eben an, als hast du was gewonnen, den Sieg gegen den inneren Schweinehund.

Bis morgen, Euer Seppel

Erbarmungsloser Kampf in der Teamklassifikation

Montag, Juli 19th, 2010

Man sollte niemals ein Rennen vorher probieren zu erahnen oder sich ein Rennszenario zurecht zulegen. Denn eines habe ich in so vielen Jahren Profiradsport gelernt, es gibt genügend Gründe, warum eine Etappe schwerer gefahren wird, als man verstehen kann.

Gehen wir davon aus, dass wir in der Gesamteinzelwertung eigentlich nur noch zwei Fahrer haben, die um den Sieg fahren. Ich denke, ich brauche hier nicht die beiden Namen nennen. Dann nimm das Etappenprofil und die Besprechung im Bus und schon denkst du zu wissen, was heute passiert. Doch der Schein trügt, denn die engen Punkte Abstände im Kampf um das grüne Sprinttrikot sowie im Kampf um das Bergtrikot eröffnen andere Möglichkeiten. Aber das soll es ja noch nicht gewesen sein, es gibt ja auch noch die Wertung der besten Mannschaft. Schmeißt man nun alle diese Punkte in einen Topf und noch mehr als 100 motivierte Rennfahrer hinzu, dann erhält man eine explosive Mischung. So dauerte es heute 89km bis eine zehn Mann starke Gruppe wegfahren konnte. Mit 47,6km/h im Durchschnitt haben wir eine rekordverdächtige Startphase hingelegt. Mal war der falsche Fahrer dabei wegen der Bergwertung, ein anderes mal wegen der Sprintwertung. Dann hatte Radioshack einen zu wenig in der Gruppe, also fährt Caisse d’Epargne. Es gab eben nie eine passende Konstellation um einen anderen, angenehmeren Rennverlauf zu haben.

So werden die beiden Mannschaften sich weiterhin gegenseitig beäugen und die kommenden Etappen immer wieder mit neuen taktischen Überraschungen aufwarten.

Während Jurgen VDB erneut eine super Leistung gezeigt hat, ist der Rest des Teams auch gut durch diesen zweiten Pyrenäen Tag gekommen. Nun folgt morgen die Königsetappe und darauf der Ruhetag. Um mal ganz ehrlich zu sein, ich habe großen Respekt und etwas Ehrfurcht vor der morgigen Etappe. Wenn ihr wirklich wissen wollt wieso, dann schaut euch einfach einmal das Profil dieser Etappe im Internet an. Denn bei allen oben genannten unberechenbaren Faktoren wird es ein schneller und schmerzhafter Start.

Es gibt ein schönes Sprichwort, Leif Hoste sagte es zu mir in diesem Frühjahr nach einem heftigen Sturz und einer nicht enden wollenden Etappe.

“Auch dieser Tag wir enden, genau wie jeder Tag”

Bis morgen, Euer Seppel

Noch sieben Tage, 12 Bergwertungen der höheren Kategorien und unzählige Höhenmeter

Sonntag, Juli 18th, 2010

Es ist wie beim rückwärts zählen, nur das es um einiges länger dauert und schmerzhafter ist. Nach der heutigen ersten Pyrenäen Etappe kommen noch einmal drei weitere auf uns zu. So zähle ich nun rückwärts und streiche jeden dieser folgenden drei Tage aus meinem Gedächtnis. Mit der Bergankunft in AX 3 DOMAINES hat Jurgen VDB erneut gezeigt, wie stark er zur Zeit ist. Wir und er hoffen das er keinen Einbruch in den nächsten Etappen erleiden muss und somit weiter um diese tolle Gesamtplatzierung kämpfen kann.

Gemeinsam sind wir mit einem großen Ziel in die Tour de France gestartet, und das war ein Top 10 Platz in der Gesamtwertung mit unserem Kapitän zu erreichen. Jeder gefahrene Kilometer im Wind, jeder Anstieg, jede Flasche, jedes Energie Gel, einfach alles, was man tun kann für ihn hat uns bis heute gemeinsam so weit gebracht. Und im großen Gegensatz zum Vorjahr funktionieren wir super als Mannschaft. Genau dieser Punkt ist es, der uns Helfer dann leiden lässt und uns die Fähigkeit gibt, sich so auszubelasten. Nenn es Freude oder Vergnügen aber im Ernst, es ist einfach so, dass auch solch eine Aufgabe am Ende Freude bereitet, da deine Arbeit belohnt wird. Wenn man dir auf die Schulter klopft, man dir einfach nur Danke sagt oder die Teamleitung mal Abends im Zimmer ihren großen Dank ausspricht.

Also dann, gehen wir in den nächsten Tag, und zwar mit gutem Abendessen nach der heutigen Etappe und einem hoffentlich guten Schlaf für diese Nacht. Morgen werde ich euch dann einmal von unseren Köchen berichten und warum es nötig ist, dass diese hier dabei sind und wie groß der Unterschied ist, den sie ausmachen.

Bis morgen, Euer Seppel

Wie es ist, so lange weg zu sein

Samstag, Juli 17th, 2010

Eigentlich sollte man ja denken, dass es etwas Schönes ist, so viel von dieser Welt zu sehen. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Als Radprofi verbringe ich von 365 Tagen mehr als 200 Tage im Ausland. Ich sitze viele Stunden in meinem Auto, im Renndienstwagen oder Bus, fahre mit dem Zug oder fliege über Berge und Länder um mein nächstes Ziel zu erreichen. Von europäischen Rennen bis hin zu Rennen auf anderen Kontinenten kommt man da eine Menge herum. Doch die Wahrheit ist auch, dass wir von all den Orten nicht das sehen, was Urlauber sehen. Es ist wie eine Silhouette, die man betrachtet. Aber was dahinter wirklich steckt bekommt man nicht zu Gesicht. Du siehst Hotelzimmer und schläfst in Hunderten von Hotelbetten und lebst die meiste Zeit aus deinem Koffer, da es nie Sinn macht, die Sachen in den Schrank zu räumen. Du gehst nicht unter die Menschen, die in diesem Land leben oder entspannst und genießt das Klima. Es ist ein Abschied von Zuhause mit der Gewissheit, dass man es machen muss und nicht immer will. Versteht mich nicht falsch, aber ich liebe meinen Sohn und meine baldige Frau zu sehr, um zu sagen, dass es immer Spaß macht die Tür hinter sich zu schließen. Genauso soll es nicht wie Jammern klingen, denn schließlich wollte ich das machen, was ich jetzt gerade mache. Doch euch möchte ich damit ein Stück näher bringen wie wir fühlen, wie ich fühle und wie es ist weg zu sein.

Dazu kommt noch, dass ich mit meinem belgischen Team auch sprachlich immer meine Heimat verlasse. Es stört mich nicht, aber es ist auch etwas, was du nach längerer Zeit vermisst. Dann freust du dich drauf, am Telefon oder mit einem deutschen Fahrer wieder deine heimische Sprache zu sprechen. Ein Gutes hat aber das ganze, neben dem Englisch und etwas Italienisch kam so noch Niederländisch dazu.

In meinem Gepäck bei dieser Tour habe ich einige Filme mit, die wir mit der Videokamera selbst gedreht haben und so sehe ich meinen Sohn und meine bessere Hälfte immer wieder vor mir und erinnere mich an all das erlebte. Kleinigkeiten, die dich durch einen langen und harten Renntag begleiten und dir Antrieb geben, wenn es mal nicht so geht.

Und im Zeitalter der Elektronik, wo man via Computer den anderen sprechen und gleichzeitig sehen kann, wo man mit dem Handy immer Empfang hat, jedenfalls fast immer, und eigentlich jedes Hotel ein Telefon auf dem Zimmer besitzt, ist es wirklich einfach, etwas von seinem Zuhause immer dabei zu haben. Gerade jetzt, wenn wir in die letzte Tour Woche gehen und bereits schon viele Tage unterwegs sind, tut es einfach nur gut, immer wieder die bekannten Stimmen zu hören. Man freut sich über jedes Bild, was man via Handy erhält. Trotzdem ist in dir das Gefühl, dass du etwas verpasst, die Entwicklung deines Kindes, die Tage im Freibad, das Treffen mit Freunden und vieles mehr. Also lasst euch gesagt sein, genießt jede Stunde mit euren liebsten, denn ich tue es immer, sobald ich Zuhause bin. Dann steht der Radsport an Nr.2 und in den wenigen Tagen versuche ich wirklich meinem Papa – Part gerecht zu werden. Auch wenn es wie mit verpassten Schlaf ist, aufholen kannst du ihn nicht mehr, aber es geht dir nach einigen normalen Nächten mit Schlaf besser.

Bis morgen, Euer Seppel