Giro vorbei, Tour im Blick

Die Tour de France startet am 3. Juli. Oder? Na ja, eigentlich beginnt nur der letzte Teil der Tour im Juli. Das eigentliche Rennen beginnt irgendwann im Oktober sobald die Strecke vorgestellt wird. Das ist die Zeit, in der das Training und die Rennpläne für die Saison ausgearbeitet, die Erkundungsfahrten geplant werden und die Fahrer vom kommenden Juli träumen können. Die Tour ist wie eine Schwangerschaft: 9 Monate lang Schmerzen und Leiden, bis es zum Finale noch mehr Schmerzen gibt.

Omega Pharma - LOTTO  2010  Charles Wegelius

Ihr solltet wissen, Radfahrer sind aus psychologischer Sicht schon besondere Menschen. Und das ist der Grund, warum nur selten jemanden zugibt, sich einen Teufel darum zu scheren, ob er für die Tour nominiert ist oder nicht – bis er endgültig für das Team ausgewählt wurde. Das wäre, als ob jemand die Möglichkeit nicht berücksichtigt zu werden, zugibt – und die damit verbundene Enttäuschung. Aber wenn ein Fahrer dann die Zusage bekommt wird deutlich, dass er genauso wie alle anderen schon seit Kindheitstagen den Traum hatte, hier mitzufahren. Es ist nicht nur der Höhepunkt einer neunmonatigen Vorbereitungsphase, es ist die Erfüllung eines privaten Traums.

Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, sich auf die Tour vorzubereiten – und jede hat ihre Vorteile. Dieses Jahr lag der Fokus meiner Vorbereitung beim Giro. Der Mai war ein Monat voller Action, Höhen und Tiefen. Für das gesamte Team Omega Pharma-Lotto war es ein riesen Erfolg. Matt Lloyd gewann eine Etappe und das Grüne Trikot für den besten Kletterer. Aber auch jedes andere Teammitglied hatte Gelegenheit sich zu zeigen. Sei es bei Sprints, in Ausreißergruppen oder den Bergen. Noch mehr als die Ergebnisse war der Teamgeist das eigentliche Highlight. Wir stehen wirklich alle füreinander ein. Das erzeugt eine wirklich gute Stimmung zwischen den Fahrern und Betreuern. Mojo, Chi, good Vibrations – nenn‘ es wie du willst. Am Ende des Tages ist es diese Art von positiver Energie, die den Unterschied ausmacht wenn‘s drauf ankommt.

Ich habe auch im Juni noch hart an meiner mentalen Stärke gearbeitet. Wenn es der Rennkalender ermöglicht bin ich immer mal wieder schnell in meine Heimat nach Finnland gefahren, wo ein wahres Paradies auf mich wartet. Wir leben dort auf dem Land, neben Milchkühen, Pferden und Hunden ganz ohne minutiös geplante Terminkalender. Du kannst hier Sachen erledigt, wenn die Zeit reif ist, oder wenn du dich danach fühlst. Die Ruhe ist einfach unschlagbar. Zwar weiß jeder hier was ich beruflich mache, aber es interessiert niemanden wirklich – und das ist ein unbezahlbares Gefühl. Während die Tage so vorüberziehen, ich schlafe und trainiere merke ich, wie sich meine Energiespeicher wieder füllen. Diese Energie wird im Juli kostbar sein, denn dann kommt eine harte Schinderei. Aber ich hoffe, dass es auch ein paar glückliche Momente gibt – und das lässt hoffen.

Charles Wegelius

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