Das Schicksal eines Helfers

Manchmal wünschte ich mir, ich hätte eine Helmkamera auf, damit ihr alle einige der verrückten Geschichten während der Tour sehen könnt. Zum Beispiel auf der zweiten Tour-Etappe: es gab während einer schnellen Abfart in einer Linkskurve einen Sturz. Es hat ausgesehen, als ob jemand eine Handgranate in das Feld geworfen hat. In dem Moment als ich meinen Teamkameraden Mika Delage am Boden sah war mir klar, dass es nicht gut für ihn aussieht. Er hatte eine große Wunde und man konnte ihm die Schmerzen aus dem Gesicht ablesen. Es ist immer schlimm, wenn du siehst, wie ein anderer Fahrer Schmerzen hat. Aber es ist noch einmal eine andere Sache, wenn es ein Fahrer aus deinem Team ist. Mika ist ein Mordskerl, immer für einen Lacher zu haben und ein wirklich guter Fahrer. Wir werden ihn während der Tour vermissen. Es geht ihm zwar nicht besonders gut, aber wenn man bedenkt, was für einen Speed wir drauf hatten, hatte er Glück im Unglück.

In der gleichen Rennsituation ist auch unser Kapitän Jurgen VDB gestürzt. Wir standen da und haben eine kleine Ewigkeit auf ein neues Rad für ihn gewartet und dann fing die Arbeit an. Wenn du am Straßenrand stehst und die Tour mit vollem Speed an dir vorbeiziehen siehst, fragst du dich, ob du überhaupt nochmal zurückkommen kannst. Mit der Hilfe unseres Ex-Kollegen Johan Vansummeren, der auf Christian Vandevelde gewartet hat, sind wir so schnell gefahren wie wir nur konnten. Am nächsten Anstieg haben wir dann endlich die Rücklichter der Teamfahrzeuge gesehen. Der Schein trügt aber. Denn man sollte nicht glauben, dass man es schon geschafft hat. Das Problem ist, bei den großen Rennen gibt es 44 Teamwagen, die alle hinter dem Peloton herfahren! Das bedeutet, dass du noch locker einen Kilometer vom Fahrerfeld entfernt sein kannst, wenn du bei den Autos angekommen bist. Mario Aerts, „Summie“, Seba Lang und ich haben nochmal richtig reingetreten und es letztendlich zurück ins Feld geschafft.

charlie_wegelius

Das ist das Schicksal eines Helfers. Ich glaube nicht, dass irgendwer zuhause am Fernseher mitbekommen hat, was da genau passiert ist. Aber in diesen paar Kilometern habe ich die meisten Körner des Tages verloren und mich für den Rest der Etappe müde gefahren. Oft komme ich einige Minuten nach dem Sieger ins Ziel und die Leute fragen mich „Bist Du vom Weg abgekommen?“ oder „hast es heute mal etwas ruhiger angehen lassen, oder?“. Ich versuche dann immer so freundlich wie möglich zu reagieren. Woher sollen die Leute auch wissen, was alles in einem Rennen passiert. Aber manchmal wünschte ich mir, ich könnte die alte Videokamera rausholen und den Leuten zeigen, was wir an einem solchen Tag gemacht haben.

Also: Spart euch etwas Jubel für uns Nachzügler auf, die die ganzen Alpen oder die Pyrenäen hinter dem eigentlichen Renngeschehen fahren. Es sind vielleicht alles hart am Limit fahrende Kämpfer, die eure Unterstützung gebrauchen können.

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