Chaos und Wutanfälle während der Tour

Ich denke eine Sache, die Radrennfahrer wie keine anderen Sportler ertragen müssen, ist das Chaos nur wenige Meter hinter der Ziellinie. Also selbst Rennpferde haben die Möglichkeit noch auszutraben und runter zu kommen bevor sie dem Publikum vorgeführt werden. Egal ob Sieger oder Verlierer. Wir Radrennfahrer müssen jedoch jeden einzelnen Tag eine Vollbremsung hinlegen – oftmals direkt nach einem 65 km/h Zielsprint oder einer zähen Bergetappe.

Sobald wir die Linie überquert haben, müssen wir durch den Dunst von Laktose und Adrenalin als erstes die Fotografen passieren. In hochklassigen Rennen wie der Tour sind diese exakt eingeteilt und verhalten sich ordentlich. Auf der Straße sind Bereiche aufgemalt hinter denen sie bleiben müssen. Das ist alles recht gut organisiert – so können sie ihre Aufnahmen vom Zieleinlauf machen und wir kommen an ihnen vorbei. Dahinter herrscht wildes Durcheinander. Wirklich jeder scheint auf der Straße zu stehen, um die beste Position bemüht. Journalisten kämpfen um das erste Zitat, Masseure versuchen sich um die erschöpften Fahrer zu kümmern bevor sie vollends am Ende sind, Fotografen suchen die besten Motive. Es ist ein reines Chaos.

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Stellt euch jetzt vor, das alles findet auf nur acht Metern Asphalt unter der gleißenden Sonne statt. Gebt das Adrenalin aus dem Wettkampf dazu, Freude und Enttäuschung und ihr habt einen Cocktail für überkochende Nerven. Man beachte auch, dass zu dem Zeitpunkt, zu dem Fahrer wie ich ankommen, die Straße oftmals vollständig von einer hysterischen Menge von Menschen blockiert ist. Es braucht nicht selten mehrere Minuten bis wir uns unseren Weg durch die Menschen bahnen können. Mal flehend, mal eine Personen etwas kräfiger zur Seite drückend. Nur so kommen wir zu unseren erfrischenden Getränken und finden im Bus Unterschlupf.

Nach einem Tag harter Arbeit, lärmender Motorräder, Hubschrauber und Stress kann es wirklich schwer sein, cool in der Höhle des Löwen wie der Zielzone der Tour zu bleiben. Wir sollten natürlich alle entspannen und uns gegenseitig respektieren. Und wir als Vorbilder sollten natürlich nicht bei jedem Anschein von Irritation oder Müdigkeit einen Wutanfall bekommen. Aber auch wir sind Menschen und es ist eben dieses Menschsein und die Zerbrechlichkeit, die die Attraktion des Radrennsports ausmachen. Wenn du am Anstieg stehst und den Fahrer leiden siehst, ist dieser Schmerz für dich offensichtlich – er ist nicht hinter einem Lenkrad und einem Helm versteckt. Das ist real. Und reale Menschen ärgern sich.

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