Ich fühlte mich wie ein Eimer übersät mit Einschusslöchern

Die Tour de France vorzeitig zu beenden ist eine sehr unangenehme Erfahrung, eine die ich bisher nie machen musste. Ich hoffe auch sehr, dass sich dies nicht wiederholen wird. Das ist ein grausamer Vorgang, der nur noch mehr zu deinem körperlichen Unwohlsein, das für die Aufgabe verantwortlich war, beiträgt. Ich konnte der Presse keine Wunden, Narben oder gebrochene Knochen zeigen. Nur ein langsames, schmerzvolles Entrinnen meiner Kräfte. Ich habe mich wie ein von Kugeln durchlöcherter Eimer gefühlt aus dem links, rechts und in der Mitte meine Energie abfloss. Alles, was ich an Nahrung oder Flüssigkeiten zu mir nahm, schien zu verfliegen. Und meine Beine wurden von Stunde zu Stunde schwächer. Ich hatte keine Kraft mehr und wurde im Feld immer weiter nach hinten durchgereicht. Mir wurde bewusst, dass ich ein Problem habe, als, während ich krampfhaft versucht am Ende des Feldes zu bleiben, viele der anderen Fahrer für eine Pinkelpause anhielten.

Die Nacht, eigentlich die beste Zeit, wurde zur Qual. Am Tag war die Haut noch klebrig und feucht verschwitzt, nachts vergrub ich mich in den Decken, um mich zu wärmen. Nach dem Aufstehen fühlte ich mich müder als noch am Abend zuvor, mit Grauen auf die Strapazen blickend, die am Tag auf mich warten würden. Mein sonst von Außenstehenden so bestaunter Appetit war nicht vorhanden. Am Frühstückstisch saß ich nur da und blickte mein Essen an, während mein Magen nur Wasser zu wollen schien. Immer mehr Wasser und meine Lippen blieben trocken.

Wenn man in schlechter Verfassung ist, aus welchem Grund auch immer, dann sind das ganz andere Beschwerden, als die, die der Kerl an der Spitze des Rennens verspürt. Wenn man gut in Form ist, ist das Verausgaben bis zum Schmerz fast schon ein Vergnügen. Man geht darin regelrecht auf. Man merkt, wie schnell man fährt und fragt sich, ob da noch mehr drin ist; man steigert sich regelrecht rein. Wenn man jedoch so niedergeschlagen ist scheinen sich Weg und Wind gegen dich zu vereinen. Keine Übersetzung scheint die richtige zu sein, das Rad scheint das eines anderen Fahrers zu sein und was man auch versucht, man ist immer an der Kante, eine Pedalumdrehung davon entfernt, den Anschluss zu verlieren.

Und dann kam die letzte Nacht. Ich ging früh ins Bett, fühlte mich vollkommen leer nach einem Tag am Ende einer Gruppe, die laut Presse „auf Siesta“ war. Aber der sonst übliche und so begehrte, entspannende Schlaf war einfach nicht möglich. Die ganze Nacht durch drehte ich mich mit offenen Augen von links nach rechts. Ich fühlte mich, als hätte mich ein Mechaniker auf 8 bar zu einem angeschwollenen, schwitzenden Wrack aufgepumpt. Völlig benebelt bemerkte ich durch die Gardinen die ersten Sonnenstrahlen und wusste, dass die Mechaniker gleich mit der Arbeit anfangen würden. Ich war die ganze Nacht wach gewesen. Ich bin dann zum Spiegel gegangen und habe einem leeren, alten Mann in die Augen geschaut.

Und dann habe ich etwas gemacht, was ich bis dato noch nie gemacht habe und hoffentlich nie wieder machen werde. Ich bin zu unserem Team-Manager Marc Sergeant gegangen und habe gesagt, dass ich nicht weiter fahren kann. Das wars.

Innerhalb von Sekunden hat sich meine Welt verändert. Ich wurde verdrängt. Ein Fahrer, der nicht startet. Der Rest des Teams ist mit den Vorbereitungen zur Etappe beschäftigt und ich beobachte sie. Du weißt nicht wo du sitzen sollst, es ist als wärst du durchgehend im Weg. Dann die Fahrt zum Start, Teamsitzung, Fans, Presse… die Tour eben. Aber ich bleibe im Bus sitzen mit einem riesigen Druck aus Schuld und Scham auf meinen Schultern. Ich vergesse meinen physischen Zustand und rede mir ein, ich hätte weiterfahren sollen. Ich bin ein Drückeberger, ein Versager.

Leute im dich rum wissen nicht, wie sie mit dir umgehen sollen, als wäre jemand oder etwas gestorben. Die einen geben mir einen Klaps auf die Schulter, ein paar nette Worte – andere meiden mich, schauen weg, fast als hätten sie Angst davor, ich könnte sie infizieren. Nicht nur mit einem Virus, sondern auch mit Versagen. Ich will einfach nur noch in ein Loch im Boden kriechen, so weit weg von der Tour de France wie nur möglich.

Wie konnte es soweit kommen? Ich bin einen meiner besten Giros gefahren, habe im Juni wie ein Mönch gelebt und bin auch im elften Jahr wieder voller Träume zur Tour gefahren. Wie kindisch und naiv. Irgendwas, ich weiß nicht was es war, habe ich mir eingefangen und es fing an, alle meine Pläne zunichte zu machen. Und die Ironie daran ist, dass es vermutlich etwas ganz banales wie ein Magen-Darm-Virus oder sonstwas ist. Aber die Tatsache bleibt, dass es ausreichte, um mich nach Hause kriechen zu lassen. Schwach und bleich, mit eingezogenem Schwanz.

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