Geduld ist eine Tugend, scheint mir …

Geduld ist eine Tugend, scheint mir …

Der Staub der Tour de France hat sich lange gelegt. Die Preise wurden vergeben, das Podium demontiert und die “Best Of” DVDs sind bereits in Produktion. Auf mich jedoch wirft die Tour noch immer einen langen Schatten. Was zuerst wie eine normale Infektion schien, erweist sich mittlerweile als langwieriger Kampf. Um es kurz zu fassen: mein Körper scheint meine arbeitenden Muskeln nur noch erstaunlich ineffizient mit Kraftstoff zu versorgen. Ein durchtrainierter Ausdauersportler hat normalerweise einen unglaublich leistungsfähigen Körper, der bei äußerst intensiver Anstrengung Fett verbrennen kann. In letzter Zeit scheint sich mein Körper in die entgegengesetzte Richtung zu entwickeln. Wie viele Kalorien ich auch aufnehme, sei es vor oder auch während des Trainings, erwartet mich zwangsläufig während des Fahrens ein schwarzes Loch – ein langsamer, kräftezehrender Prozess, bei dem ich alle meine Energie verliere und regelrecht nur noch zu kriechen scheine, wie ein Schiff in Windstille … ohne Segel. Für die technisch versierten unter euch könnte man auch sagen, dass mein Motor funktioniert, die Einspritzanlage jedoch nicht.

Wenn man normalerweise mit bester Gesundheit gesegnet ist, dann ist es leicht zu glauben, dass die moderne Medizin einfach eine Diagnose stellt und danach vorzugsweise mit starken, wirksamen Medikamenten behandelt. In Wirklichkeit scheint es nicht immer so einfach herauszufinden zu sein, was denn überhaupt los ist. Das ist wohl insbesondere bei so anscheinend kleinen Unstimmigkeiten im Körper der Fall, die dann doch so weit reichende Folgen für einen Ausdauersportler haben. Ich habe mich geduldig von einem Arzt zum nächsten geschleppt, habe einige Bluttests über mich ergehen lassen, ohne Ergebnis. Das ist eine äußerst ärgerliche Situation. Wie die meisten Fahrer kenne ich meinen Körper in- und auswendig – und dann zu wissen, dass dieser nicht so funktioniert, wie er sollte und dafür keine Lösung zu kennen, ist gelinde gesagt frustrierend.

Seit ich mit sechzehn mit dem Radsport begonnen habe, gab es immer nur einen sicheren Weg um die meisten Probleme, mit denen ich konfrontiert wurde, zu lösen: mehr trainieren, besser trainieren. Das ist schon immer der Ausgleich, die Lösung für alles für mich gewesen. Sich richtig reinhängen, eine gute Arbeit abliefern und alles wird gut. Aber aktuell, vielleicht zum erstem mal für mich, lässt dies mein Körper nicht zu und zieht die Handbremse. Wenn man meinen engsten Familienkreis fragt, würde dieser vermutlich bestätigen, dass sie es derzeit nicht einfach mit mir haben. Ich streife unruhig umher, ohne die Anspannung loswerden zu können, weil ich eben die letzten zehn Jahre mit Problemen fertig wurde, indem ich mich auf mein Rad gesetzt habe bis ich völlig alle war.

Mit Hilfe meiner Familie und einiger kostbarer, enger Freunde versuche ich positiv zu denken. Ich trainiere zweimal pro Tag mit dem Versuch meinen “Motor” in Form zu halten und gebe meinem Körper auch die Zeit, sich zwischendurch wieder erholen zu können. Unser Teamarzt, der einzigartige und charismatische José Ibarguren Taus, ist von entscheidender Bedeutung, er denkt immer geduldig über Lösungen nach.. Aber es ist nicht so einfach immer fröhlich und guter Dinge zu sein wenn du eine Saison, die so gut begonnen hat, in deinen Händen zerbröckeln siehst. Die Tatsache, dass man nur einige wenige Wochen im Getümmel verbracht hat, tut sein übriges und eine Karriere, die auf festem Grund zu stehen schien, versinkt im Treibsand. Keine Leistungen bringen bedeutet keine neuen Angebote. Ich denke Radsportler sind wie Boxer oder Golfer: Selbstvertrauen ist alles. Man nährt sich an Erfolgen und wenn du es hinbekommst dieses empfindliche Gleichgewicht zu halten, dann schaffst du alles problemlos und fühlst dich unbesiegbar. Aber wenn dieser Ablauf gestört ist, kommen schnell Zweifel auf. Erinnerungen an frühere Leistungen, wie in meinem Fall der diesjährige Giro, verblassen schnell und man beginnt daran zu zweifeln, dass man jemals wieder so ein Niveau erreichen kann. Das war wirklich ich, der mit den besten Fahrern der Welt über den Gavia und den Zoncolan geklettert ist? Ist dieser sture und uneinsichtige Körper eben dieser, der mich so oft sicher durch die 3-Wochen Rennen der letzten zehn Jahre gebracht hat?

Was man jetzt braucht ist Geduld und Vertrauen. Ich sollte meinem Körper die Zeit zum Heilen geben und in die Fähigkeit der Ärzte und auch in meine eigene vertrauen. Die Zeit ist jedoch nicht auf meiner Seite. Die Uhr tickt und ich muss schnellstens wieder auf ein anständiges Niveau kommen um in der Fabrik namens Profiradsport wieder etwas vorweisen zu können. Jeder der mich kennt wird bestätigen können, dass Geduld nicht zu meinen Stärken gehört. Aber ich trainiere auch das. Ich versuche ein wenig zurückzuschrauben und meinen Körper wieder seine Balance finden zu lassen. Hoffen wir, dass etwas Karma hinter der nächsten Ecke auf mich wartet und ich beim nächsten Mal eine unbeschwerliche Geschichte schreiben kann – über das berauschende Leben von Englands bezauberndstem Profiradsportlicher. Oder Finnlands. Wie auch immer…

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