Wie alles begann

Mit dem Zug zu fahren war schon immer etwas ganz besonderes für mich. Vielleicht, weil ich als Kind schon mit meinem Bruder zwischen Finnland und England mit dem Flugzeug regelrecht gependelt bin. Eine Bahnfahrt war doch sehr außergewöhnlich. Fliegen ist auch viel steriler als eine Zugfahrt. In einem Flugzeug sitzt man in einer klimatisierten Blase, wird an den Sitz geschnallt und an sein Ziel gebracht. Bahnfahren hat einfach viel mehr zu bieten. Man hört die Pfeifen der Schaffner, man spürt die Gleise unter sich und oftmals hört man wie sich der Motor abmüht.

Man kann sich auch richtig abhetzen um den Zug noch zu erreichen und noch rein springen, wenn er grade vom Bahnsteig abfährt. Für ein kleines Kind ist das so ziemlich die spannendste Art zu reisen, insbesondere wenn man kurze Beine hat und irgendwie mit seinem Bruder oder den Eltern mithalten muss. Ich kann mich noch gut erinnern wie ich mit meinem Großvater noch versucht habe einen Zug nach London zu erreichen und wir sind drauf gesprungen, nachdem er losgefahren war. Die Freude es geschafft zu haben war fantastisch, als wir völlig außer Atem im Abteil standen und uns mit einem „gottseidank“ angeschaut haben.

Solche Gedanken kommen mir in den Kopf währen ich hier in einem Zug voller Radfahrer auf dem Weg nach Montreal sitze. Es ist ein herrlicher, frischer Morgen mit den ersten Anzeichen eines anziehenden Herbsts. Die Landschaft zieht langsam vorbei wie eine Diashow, eine seltene Gelegenheit für einen reisenden Radfahrer wirklich mal das Land genießen zu können, das man besucht. Die Landschaft erinnert mich häufig an Finnland mit den dichten Wäldern, die einen Hauch von Wildnis in unserem Westen geben, aber überall sind auch klare Zeichen, dass ich weit von zuhause entfernt bin. Riesige Lastwagen schleppen riesige Ladungen entlang der Highways und die Schulbusse sehen so robust aus, dass ich mich frage wie viel Benzin man wohl benötigt um die Kinder zur Schule zu bringen.

Obwohl ich schon seit 1996 mit meinem Rad um die ganze Welt reise, könnte man sagen, dass meine Karriere in Kanada so richtig begonnen hat. Ich bin mit dem Linda McCartney Team 1999 zur Trans Canada angetreten. Es war verdammt kalt und nass, aber ich kam ganz gut klar. Sekunden bevor ich auf die Startrampe zum letzten Zeitfahren gestiegen bin, wurde ich von Serge Parsani, dem Manager des mächtigen Mapei Teams, angesprochen. Er fragte mich ob ich daran interessiert wäre für sein Team zu fahren. Sein English war, und ist es vermutlich noch immer, ziemlich miserabel, daher habe ich ihm in meinem besten Französisch höflich versucht zu erklären, dass er den Falschen vor sich hat, dass er auf dem Holzweg sei. Er überprüfte meine Startnummer, schaute auf den Startzettel und meinte „Du bist Wegelius, oder nicht?“. Ich bestätigte, dass es nur einen Wegelius gäbe. „Na dann bist du derjenige, den ich suche“. In meinem Kopf drehte sich alles; meine Startzeit habe ich um fast eine Minute verpasst und ich habe mich das gesamte Zeitfahren gefragt was zur Hölle soeben passiert war. Zum Ende des Rennes kam ich zu der Überzeugung, dass er vor hatte, mich in eines der vielen Amateurteams zu stecken.

Ich beendete das Zeitfahren so ziemlich als Letzter und 2 Wochen später fand ich mich in der Mapei Zentrale in Varese wieder bei einem Treffen mit dem Team-Management. Ein paar Tage später unterschrieb ich meinen ersten Vertrag mit dem größten Team der Welt. Damit begannen die aufregendsten Monate meiner noch jungen Karriere. Auf einmal teilte ich Hotelzimmer und verbrachte Trainingslager mit Giganten des Radsports wie Museeuw, Tonkov und Zanini – und in meinem Kopf drehte sich noch immer alles, immer mit dem Gedanken, dass sie wirklich den Falschen erwischt haben. Innerhalb weniger Wochen kam ich aus einer Welt des gegenseitigen Händewaschens und der Unsicherheit an einen Ort, an dem alles möglich war, wenn man nur hart genug dafür arbeitete. Ich lebte in einer großen Wohnung an einem malerischen See in Italien und hatten all die Unterstützung um an meinem Limit arbeiten zu können.

In diesen ersten Jahren bei Mapei habe ich all die Fähigkeiten gelernt, die mich durch meine gesamte Karriere bringen sollten. Ich habe gelernt hart zu arbeiten und ehrlich zu dir selbst und deinen Teamkammeraden zu sein, auch wenn das Radfahren alle Arten von Höhen und Tiefen in deinen Weg legen kann. Auf lange Sicht helfen dir die grundlegenden Regeln wie Fleiß und Beständigkeit auch durch schwierige Zeiten. Ich hatte das Glück von den Besten lernen zu können, in einer dich unterstützenden und vollkommenden Umgebung. Diesen Werten werde ich immer treu bleiben, auch nach meiner Zeit auf dem Rad, wenn meine Beine behaart sind – und dafür werde ich immer dankbar sein.

Charlie

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