Charles Wegelius Blog: Auf Wiedersehen – aber nicht Lebewohl

Im Jahr 2010 hat der Omega Pharma-Lotto Fahrer Charles Wegelius einige Blogeinträge auf blog.canyon.com geschrieben. Seine bildhaft geschriebenen Texte gehörten zu den meistgelesenen der Seite und waren von seinen Lesern geschätzt. Das gesamte Canyon Team wünscht Charlie viel Erfolg bei seinem neuen Team und bedankt sich für die tollen Geschichten und Einblicke in das Leben eines Radsportsprofis der Extraklasse.

Glücklicherweise, gottseidank ist die Saison 2010 vorbei. Endlich! Trotz einiger freudiger Momente im Mai war die Saison im Großen und Ganzen ein langwieriger Kampf für mich. Von Juli bis zum bitteren Ende im Oktober schlitterte ich von einer kleinen aber doch störenden Krankheit in die nächste. Ein paar Tage konsequentes Training war das einzige, das ich auf die Reihe bekommen habe ehe mein Körper wieder streikte und ich bei null anfangen musste. Hartes Training und ein angepasster Lebensstil bedeuten alles in diesem Sport. Ohne diese beiden Pfeiler kannst du niemals die richtige Basis schaffen, auf der du aufbauen kannst. So kam es, dass meine Saison endete und mein Körper nur gelegentlich – wie während der guten Tagen in Kanada – ein Lebenszeichen von sich gab. Die übrige Zeit verbrachte ich damit um meine Form zu kämpfen.

Nachdem ich mein Rad nach den letzten Rennen in Italien den Mechanikern gegeben habe konnte ich eine ganze Zeit lang keine Räder mehr sehen. Das ist nach einer so langen Saison etwas ganz natürliches, aber dieses Jahr war dieses Gefühl bei mir besonders stark. Ich habe so viel in meine 2010er Saison investiert, aber ich habe nichts dafür bekommen, meinen Platz in einem guten Team verloren und festgestellt, dass in Zukunft nur wenige Personen noch Interesse an mir haben würden. Abgesehen davon, dass ich schon immer eine bescheidene Vorstellung meiner Rolle in der Radsportwelt hatte, war es dennoch eine Nachricht, die mich hart getroffen hat. Ich kenne dieses Geschäft lange genug um zu wissen wie grausam und schnelllebig es sein kann. Aber ein kleiner Teil in mir war immer der Meinung, dass ich immer benötigt werde. Ich habe erfahren, dass ein 27-järiger meine Position im Team bekommen hat, weil er jünger war. Ich habe gelacht und gesagt „27 ist nicht jung!“ „Nein“, war die Antwort. “Aber noch immer sechs Jahre jünger als Du.”

Ich musste mich erstmal setzen und habe realisiert, dass einige Zeit vergangen ist – ob ich will oder nicht. Ich bin seit dem Jahr 1996 mit meinem Rad um die Welt gereist, wurde alt und zynisch. So wie dein Lieblingssing, der so oft in dein Ohr gehämmert wurde, dass du mittlerweile noch nichtmal mehr hinhörst, wenn er gespielt wird. Ich kannte die Rennen und Trainingslager, habe sie routiniert hinter mich gebracht da ich den Ablauf schon kannte und es keinen Punkt gab, ab dem ich bei irgendetwas neuem hätte improvisieren müssen. Daher habe ich überlegt was ich machen könnte, wenn der Pro-Tour-Zirkus mich rausgeschmissen hat. Es kommt mir so vor, dass ich – obwohl ich noch nie viel gewonnen habe, ziemlich viel darüber weiß ein Radfahrer zu sein. Und da wäre es doch eine Schande, dieses Wissen einfach links liegen zu lassen. Ich weiß außerdem, dass ich guter Kommunikator bin und hier meine Chance suchen kann. Wäre es nicht schön jungen, ambitionierten Talenten zu helfen und sie davon abhalten all die Fehler zu machen, dich ich erfahren musste und ihnen so zu helfen alles aus ihnen rauszuholen?

Bei einem Glas Wein mit meiner Frau habe ich mich – nicht zum ersten Mal – beklagt, wie bescheiden mein Jahr war und wie enttäuscht ich war. Camilla drehte sich zu mir und sagte: „Ja, aber die meisten Dinge passieren aus einem bestimmten Grund. Vielleicht wird aus alldem etwas Gutes.“ Und ungefähr eine Woche später sollte es tatsächlich so kommen. Ich bekam einen Anruf vom United Healthcare Team in den Staaten. Okay, sie sind nicht Omega Pharma-Lotto, aber sie versuchen zu wachsen und – ganz wichtig – sie wollen das von Grund auf. Langsam aber sicher. Als ich mit dem Manager Mike Tamayo sprach merkte ich, dass es hier um ein interessantes Projekt geht, bei dem ich mehr machen sollte als nur Radfahren. Sie brauchten einen guten Kletterer, aber die waren auch an meiner Erfahrung und meinem Wissen interessiert und waren bereit, ihren jungen Fahrern zu helfen. Ich hoffe auf eine erfrischende, neue Zusammenarbeit in der ich viele Dinge lernen kann, aber in der ich auch tatkräftig helfen kann etwas sinnvollen zu tun.

Es ist mal sicher, dass es keine einfache Entscheidung war. Mein Ego sagte mir, dass ich weiterhin den Giro und die Tour fahren sollten, aber mein Kopf sagte „du bist davon krank geworden“. Als ich die Mails aus den Staaten über die Details wie Schuheinsätze oder den Fahrradspezifikationen bekam habe ich gemerkt „scheiße, diese Typen meinen das echt ernst!“ Und als mein Enthusiasmus langsam zurückkam habe ich gefühlt, dass ich der Teil eines erfolgsversprechenden Projekts bin. Als ich ein paar Tage später von der Post nach Hause gefahren bin, habe ich festgestellt, dass die Straßen in der Morgensonne langsam abtrockneten und ein kleiner Gedanke keimte in meinem Kopf: „Das wäre ein schöner Morgen für eine Runde…“

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