ProRace, Jedermänner, Fußballfans und eine Sturmwarnung

Ein kleiner Erfahrungsbericht über ein erfolgreiches Wochenende in Berlin. Der Skoda Velothon stand ins Haus und Canyon ist mit einem Stand auf der Strasse des 17. Juni dabei. Direkt gegenüber des Pavillons von upsolut, dem Veranstalter des zweitgrößten Jedermannrennens in Deutschland beziehen wir Stellung. Der Stand ist schnell aufgebaut und die Räder platziert. Jetzt geht es an die Feinheiten. Erik Zabel auf unserem Standbild braucht einen prominenten Platz und unsere Merchandising-Artikel müssen wirksam präsentiert werden. Gegen 20:00 Uhr ist der Stand fertig für den Ansturm am nächsten Tag und es beginnt zu regnen – was für ein Timing.

Der Samstag beginnt mit einem kurzen Frühstück im Hotel und für zwei meiner Kollegen mit einer 20 Kilometer Radtour durch Berlin zum Canyon-Stand. Ich fahre mit dem Auto und gehe kurz vor Beginn der Expo am Brandenburger Tor nochmal in mich und genieße die Ruhe vor dem Sturm. Uns steht ein heißer Tag bevor, der schnell vorüber gehen sollte. Zwar stehen insgesamt 10 Stunden zur Beratung auf dem Plan, aber es ist alles sehr kurzweilig und macht riesigen Spaß mit unseren Kunden zu fachsimpeln, sich ihre mitgebrachten Räder präsentieren zu lassen und sie für ein eventuell neues Rad zu begeistern. Sogar einige Anhänger der Fußballvereine von Schalke und Duisburg, die gespannt auf das abendliche Pokalfinale im Olympiastadion hin fiebern, kreuzen am Stand auf und interessieren sich für unsere Räder. Radfahren ist, anders als Fußball wohl doch ein Sport für Jedermann.

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Am Tag des Rennens stehe ich gegen 6 Uhr auf, um meine Koffer zu packen und mich auf die kleine Jedermann-Runde mit Erik “Ete” Zabel vorzubereiten. Leider fällt das Frühstück aus, da ich einfach zu früh bin. Also fahre ich mit leerem Magen und vollen Trinkflaschen zum Start auf dem Pariser Platz. Tausende Menschen in bunten Trikots warten dicht gedrängt auf den Startschuss. Im VIP-Block treffe ich einen Teamkollegen in Canyon-Montur. Es ist unser Fotograf Tino Pohlmann. Diesmal ohne Kamera und Objektiv, aber dafür mit dem Ultimate CF SLX Ete – Sondermodell und verdammt gut in Form. 5 Minuten vor dem Start kommt dann auch Erik und plötzlich tummeln sich unzählige Journalisten und Fotografen um uns. Punkt 7:49 Uhr mit einer Minute Vorsprung vor dem Hauptfeld werden wir auf die Strecke losgelassen. Ich muss sagen, auch nach mittlerweile 21 Jahren ist es ein gutes Gefühl durch das Brandenburger Tor zu rollen. Die ersten Kilometer sind ein Schaulaufen für die Presse und wir fahren auf unseren Canyon-Rennrädern gut in Szene gesetzt hinter den Presse-Motos her. Ich frage Ete noch, wann das Rennen der Profis beginnt und er antwortet – wir sind doch schon mitten drin. Jetzt hat das Posen auch ein Ende und das Tempo zieht an.

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Die ersten Attacken werden schon nach wenigen Kilometern gefahren und das Feld zieht sich in die Länge. Und schon höre ich hinter mir das erste Krachen. Block A hat uns von hinten aufgefahren und wohl auch einige überrollt. Man hört Material über den Asphalt schliddern und Radler schreien. Keine schönen Momente. Aber das sollten nicht die letzten Stürze auf der Fahrt durch Berlin sein. Ab da an versuche ich, auch wenn es viel Kraft kostet im Wind zu fahren, möglichst weit am Rand des Feldes zu bleiben oder ganz vorn mitzufahren. Durch den Grunewald kristallisiert sich eine Spitze heraus, die bis kurz vor Schluss sehr gut zusammen fährt. Etwa 15-20 Radler und Radlerinnen machen das Tempo, währenddessen die große Masse an unseren Hinterrädern lutscht. Jetzt bekomme ich doch ein wenig Hunger. Ich ziehe mir ein Energy-Gel aus der Trikottasche und presse es mir zwischen die Zähne. Gut essen ist anders, aber man merkt auf der Stelle die Wirkung. Die Gruppe läuft und so fahren wir auf teilweise verwinkelten Straßen gen Tempelhof. Gerade hier merkt man wieder was Windschatten bedeuten kann und dass die Mehrheit nie in einer Gruppe trainiert. Einige werden voll von der Windkante erwischt und platzen vom Feld ab.

Die nächste und wahrscheinlich neben dem Brandenburger Tor und dem Fernsehturm die einzige Sehenswürdigkeit die ich richtig wahrnehmen kann ist die Eastside-Galerie – ein recht ansehnliches Stück der Berliner Mauer. Leider bekommt man wenig von der Umgebung mit, aber aus reinem Selbsterhaltungstrieb heraus, ist man bestrebt voll konzentriert auf die Fahrer vor einem zu achten. Jetzt ist es nicht mehr weit ins Ziel. Alle die sich bis hier hin nur im Windschatten ausgeruht haben fahren jetzt vorbei. Zum einen eine taktisch kluge Sache um Energie zu sparen, zum anderen etwas unsportlich denen gegenüber, die die Arbeit verrichten. Leider wird es jetzt auch wieder unruhiger im Feld und einige gehen bedauerlicherweise zu Boden. Wann trainiert man schon im Renntempo bei 45 Kilometer pro Stunde in der Ebene und in einer großen Gruppe? Mein bisheriges Training in diesem Jahr reicht leider nicht ganz aus und ich muss die Gruppe etwa 2 Kilometer vorm Ziel ziehen lassen. Wahrscheinlich aber auch ein glücklicher Umstand, da sich beim Zielsprint noch vier oder fünf Fahrer lang gemacht haben. Ich fuhr allein durch das Trümmerfeld und dann ins Ziel. Ein gutes Gefühl dort bejubelt und vom Moderator namentlich erwähnt zu werden.

Kurz nach dem Rennen erhalte ich vom Veranstalter eine SMS mit meiner Platzierung. Ich wurde 5. von 38 männlichen Teilnehmern beim VIP-Rennen. Meine Zeit liegt bei 1:39:33 auf der 60er Runde und der Schnitt bei 38,82 Kilometern pro Stunde. Eine gute Leistung wenn man bedenkt, dass ich kaum trainiert habe. Wären da nicht zwei Spanier gewesen, dann stünden 3 Canyon-Rennräder auf dem Podest. Erik holte sich den ersten Platz und Tino Pohlmann Silber.

Das Highlight in Berlin war dann das ProRace. Zum ersten Mal seit elf Jahren findet 2011 wieder ein Rennen auf Berliner Straßen statt. Und so wie sich das Rennen präsentiert, hat Berlin gute Chancen bald den WorldTour-Status zu bekommen und wieder ganz oben mitzuspielen. Mit dabei sind unser Hero Erik Zabel als sportlicher Leiter der Veranstaltung und unser Team Omega Pharma-Lotto mit insgesamt sechs Fahrern. Darunter auch Top-Sprinter André Greipel und sein Anfahrer Marcel Sieberg. Kurz vor dem Start habe ich noch Zeit mit Marcel und einigen Betreuern des Teams zu sprechen. Sie sind guter Dinge und freuen sich bei traumhaftem Wetter die Premiere des ProRace in Berlin bestreiten zu dürfen. Insgesamt gehen 22 Teams an den Start der 182 Kilometer langen Strecke durch Berlin und das angrenzende Brandenburg. Schon nach 15 Kilometern bildet sich eine Spitzengruppe mit 6 Fahrern, deren Chancen bei einem maximalen Vorsprung von 6 Minuten nicht schlecht stehen. Mit dabei der Franzose David Boucher aus dem Omega Pharma-Lotto-Team. Da der Großteil der ProTour-Mannschaften vorn mit vertreten ist, halten sich diese Teams im Hauptfeld zurück die Ausreißer einzuholen.

Als die Fahrer noch auf der Flachstrecke rund um Berlin unterwegs sind, schaut Erik Zabel für eine Stunde bei uns am Stand vorbei und gibt Autogramme und macht mit jedermann sehr bereitwillig Fotos. Ein Star zum Anfassen. Auch sein ehemaliger Radsportkollege Stephan Schreck aus Erfurt lässt sich kurz blicken und auch das Radsporturgestein Artur Tabat, der Veranstalter von Rund um Köln holt sich ein Poster von Ete ab.

Kurz darauf werden wir am Stand noch zum Zittern gebracht. Der Veranstalter ging reihum und warnte uns vor einem aufziehenden Sturm. Er erfuhr von der Feuerwehr, dass sich ein Unwetter im Anzug befindet und wir mit Windstärken bis 9 nach der Beaufort-Skala zu rechnen hätten. Das wäre der Super-GAU für unser Zelt. Wir unternahmen einiges, um Zelt und Material zu schützen und waren dann doch froh, als der Sturm ausblieb und wir und die gesamte Veranstaltung ohne Schäden davon kamen.

Nachdem das Feld nach 117 Kilometern durchs Berliner Umland das erste Mal über die Meile am Brandenburger Tor kommt, machen das deutsche U23-Team und LKT-Brandenburg die Hauptarbeit um die Spitze einzuholen. Erst in der achten und letzten der 8,5 Kilometer langen Runde durch Berlin stellt das Feld die Führenden und es kommt zum Sprintfinale. Hier wird unser Topmann André Greipel unbeabsichtigt durch seinen Kumpel Robert Wagner eingeklemmt und jeder Siegeschance beraubt. Am Ende steht mit Marcel Kittel aus Thüringen aber dennoch ein Deutscher ganz oben auf dem Treppchen.

Robert Brückner

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