Erfahrungsbericht: Eine Woche bei der Tour de France

Die Zeit ging so schnell rum, obwohl auch meine Tage, wie die der Rennfahrer ewig lang waren. Am Ende habe ich mehr Kilometer gemacht, wie die Tour lang ist. Im Unterschied zu den Radfahrern allerdings auf vier Rädern.
Am Montag bin ich als Mitarbeiter unseres Social Media-Teams von Koblenz über die Schweiz in die französischen Alpen gefahren – 800 Kilometer. Im Gepäck, mein Equipment für die Online-Berichterstattung und ein Canyon Aeroad Rahmen in grün. So grün wie das Maillot Verde, für das es am Schluss doch nicht gereicht hat.
Aeroad CF in Grün

Für den Dienstag hatte ich mir vorgenommen zum Ziel nach Gap zu fahren und unsere Fahrer vom Omega Pharma-Lotto Team in Empfang zu nehmen. Pusteblume, obwohl Schneeflocke würde es besser treffen. Da der Galibier am Ende der Woche zweimal auf dem Plan stand, wollte ich eine vorherige Streckenbesichtigung durchführen. Im strömendem Regen fuhr ich im Tal der Arc los, über den Telegraph, hinunter nach Valloire und dann eben in Richtung Col du Galibier. Es kamen mir schon einige Autos mit Schnee auf den Dächern entgegen und ich dachte, wenn die vielen Holländer das geschafft haben, dann schaffe ich das auch. Doch am Ende siegte die Vernunft. Bei 2300 Höhenmetern lag die Schneefallgrenze. 345 Meter unter dem Gipfel. Klingt nicht viel, brachte aber umso mehr Schnee. Auf Höhe der Einfahrt zum Tunnel fuhr ich auf den Parkplatz und wendete den Wagen. Fünf Zentimeter Schnee auf der Strasse, Sommerreifen auf dem Auto und Schluchten neben dem weißen Asphaltband können einem durchaus Angstzustände bereiten. Das Ziel in Gap in weite Ferne gerückt, fuhr ich zurück ins Hotel und schaute das Rennen im französischen Fernsehen, um darüber berichten zu können.
Bild im Schnee

Der Mittwoch begann wieder mit schlechten Wetter, aber als ich die Grenze nach Italien überwunden hatte, strahlte die Sonne. Auf dem Weg zum Start in Gap fuhr ich durch unheimlich viel Landschaft, so wie eigentlich die gesamte Woche. Echt beeindruckend. Kurz vor Gap fand ich mich plötzlich inmitten der Omega Pharma-Lotto Teamflotte. Ein Bus, ein Mechaniker-Truck und vier Begleitfahrzeuge. Gemeinsam bahnten wir uns den Weg zum Start. Und schon wenige Sekunden nach dem Eintreffen war der Bus umringt von Menschenmassen. Alle wollten den belgischen Meister Philippe Gilbert und vor allem Jelle Vanendert im gepunkteten Trikot sehen.
Jelle Fanclub

Insgesamt haben die Fahrer vor Beginn der Etappe etwa eine Stunde Zeit sich einzuschreiben und so bleiben sie natürlich so lang wie möglich dem Trubel fern und versuchen im Bus noch etwas Ruhe zu tanken. An der Einschreibung trafen dann die beiden Sprinter André Greipel und Mark Cavendish aufeinander und wünschten sich wohl gegenseitig viel Glück für die bevorstehenden schweren Alpenetappen.
André und Cav

Beim Appell, der etwa fünf Minuten vor dem offiziellen Start erfolgt, traf ich nochmal auf Sebastian Lang und fragte ihn, ob er für die Alpen gewappnet sei, woraufhin er mit „ich hoffe doch“ etwas kleinlaut antwortete. Mit den unendlichen Höhenmetern der nächsten Tage im Kopf, war ihm das nicht zu verübeln.

Die Königsetappe der diesjährigen Tour führte über und auf drei Pässe der Ehrenkategorie. Drei mythische Berge waren zu erklimmen – der Col Agnel mit 2744 Metern der höchste Punkt der Tour 2011, der Col d’Izoard und der 2645 Meter hoch gelegene Col du Galibier, die bisher höchstgelegene Bergankunft seit Bestehen der Tour. Für die Fahrer ging es von Pinerolo bis auf den Col Agnel bei Kilometer 107 eigentlich nur bergauf. Für mich ging es dagegen hoch und runter. Ich fuhr auf dem „itinéraire hors course“ vom Start weg eine Umleitungsstrecke auf den Straßen der Etappe des Vortages. Hinauf nach Sestrières, einem Austragungsort der Olympischen Spiele 2006, hinunter nach Cesana und wieder hinauf auf den Col de Montgenèvre bis ich kurz darauf in Europas zweithöchstgelegener Stadt Briancon ankam. Von dort an gab es keine Möglichkeit einer Umleitung und so durfte ich auf der Strecke bis zum Col du Lautaret fahren. Ein wirklich beeindruckendes Erlebnis entlang des größten Parkplatzes der Welt zu fahren. Ein Wohnmobil neben dem nächsten. Und überall jubelnde und begeisterte Fans, die nur kommen um die Fahrer einmal vorbeirauschen zu sehen.
Angekommen auf dem Col du Lautaret, von dem an es noch 8 weitere schwere Kilometer bis zum Ziel auf dem Col du Galibier waren auf dem der Schnee schon wieder getaut war, habe ich mir mein Equipment geschnappt und nach einem guten Platz für Fotos Ausschau gehalten. Allerdings gestaltete sich das etwas schwierig bei etwa 400000 Tausend Fans die sich am Berg tummelten. Mit meiner Presse-Akkreditierung hatte ich dann aber doch die Möglichkeit ziemlich weit vorn an der Strecke einen Platz zu erhaschen. Und hier war es auch das erste Mal, dass ich während meines Aufenthaltes etwas vom Rennen mitbekommen habe, da direkt hinter mir eine riesige Videoleinwand von France2 aufgebaut war. Jedes Mal als die Schleck-Brüder im Bild waren wurde es laut in der Ecke der Luxemburger Fans und als Contador abreißen lassen musste, jubelten sie noch viel lauter.
Am Lautaret

Nach dem Zieleinlauf versuchte ich dann so schnell wie möglich zum Auto zu gelangen, was mir auch gelang. Doch dann stand ich im Stau. Überall Menschen, zu Fuß, auf Fahrädern, Mofas, Motorrädern, Autos und Wohnmobilen um mich herum. Wahnsinn, das bei solchen Evakuierungen nicht mehr passiert, wenn einen plötzlich Radfahrer links und rechts überholen und versuchen am schnellsten im Tal zu sein.
Lautaret Camper

Der Stau vom Donnerstag sollte aber nicht der längste während meines Ausflugs gewesen sein. Am Freitag kam es viel schlimmer. Gegen 7 Uhr am Morgen verließ ich mein Hotel, um über den Col de la Croix de Fer auf die andere Seite des Berges zu gelangen. In Bourg-d’Oisans ging es dann hinauf nach Alpe d’Huez. Hier am Berg der Holländer, der immernoch so genannt wird, obwohl seit 1989 kein Holländer mehr gewonnen hat, tummelten sich noch mehr Menschen als am Tag zuvor auf dem Weg zum Galibier. In jeder der 21 Kehren wurde gejubelt und gefeiert. Viele stehen schon seit einigen Tagen um sich die besten Plätze zu sichern. In Kehre Nummer 15 wird allerdings viel mehr gefeiert als in den restlichen Streckenabschnitten. Die berühmt berüchtigte Holländer-Kurve. Ein Meer aus Orange. Und eine Lautstärke, dass man Ohrstöpsel braucht.
Oben angekommen hab ich mir dann mein Canyon CF SLX geschnappt, auf dem im letzten Jahr noch Sebastian Lang im Omega Pharma-Lotto Trikot gefahren ist. Ich fragte den erstbesten Polizisten wie lang es möglich ist noch runter und wieder hoch zu fahren. Er antwortete, dass noch gut drei Stunden Zeit sind. Das passt dachte ich mir und rollte langsam bergab. An schnell fahren war garnicht zu denken bei der Masse an Leuten am Berg. Leider machte mir eine pflichtbewußte Polizistin in Kehre 20 einen Strich durch die Rechnung und wollte mich nicht weiter nach unten fahren lassen. Nur noch laufen sei erlaubt. Eine Kehre vor der Einfahrt in den Berg. Also drehte ich kurzerhand um und radelte die verbliebenen 12 der insgesamt 13,8 Kilometer nach oben. Es ist schon ein tolles Gefühl an jeder Ecke angefeuert zu werden und zu hören, ah ein Canyon, Allez Allez, weiter so, push it und so weiter. Und natürlich will man sich da auch keine Blöße geben und hält auch an den steilsten Abschnitten mit 14 % nicht inne.
Wieder zurück am Auto gab es erstmal eine Cola und dann ging es wieder auf die Suche nach einem guten Aussichtspunkt. Als ich den gefunden hatte kam auch schon die Werbekarawane angerollt. Ein riesengroßer Faschingsumzug mit lauter lustigen Gefährten. Etwa eine Stunde danach stiegen die ersten Hubschrauber aus dem Tal auf und am Himmel kreisten insgesamt fünf Flugzeuge, die für die Übertragung der Fernsehbilder zuständig sind. Jetzt war klar, gleich kommen die ersten Fahrer. Das Feld war stark auseinander gerissen und einzelne Pedaleure quälten sich die letzten Meter bis zum Ziel. Und es wurde wahr, auf was so viele in Frankreich gewartet haben. Ein Franzose gewinnt eine Tour-Etappe. Und das auch noch in Alpe d’Huez. Einige Zeit nach dem Ersten bahnte sich der Omnibus, angeführt von Sebastian Lang, Marcel Sieberg und André Greipel seinen Weg zum Etappenziel. Ich vermute Seppel hatte hier die Führung übernommen und sich im Kopf genau ausgerechnet, wie schnell man maximal fahren muss, um noch rechtzeitig vor der Karenzzeit im Ziel zu sein.
Nach der Etappe erlebte ich dann den Superstau. Drei Stunden für 13,8 Kilometer den Berg hinab und nochmal eine Stunde für die nächsten fünf Kilometer. Kein Wunder wenn hunderttausende von Menschen wieder von einem Fleck weg wollen.
Der Samstag begann wiedermal mit Regen und so sollte er auch enden. Zwischendurch allerdings schien die Sonne für die Tour de France. Vom Zeitfahren selbst hab ich an dem Tag recht wenig bis nichts mitbekommen. Hinter den vielen Zuschauern sah ich immer nur Fahrräder vorbei fahren, die auf den Materialwagen der Teams montiert waren. Vor dem Start allerdings konnte man um das Stadion von Grenoble den Fahrern beim Warmfahren und den Mechanikern beim Einstellen der Räder zuschauen. Wobei die Mechaniker unserer Canyon Bikes vom Omega Pharma-Lotto Team an diesem Tag wohl nicht ganz so konzentriert waren, wie sonst. Nach drei Wochen Tortour auch ohne weiteres möglich. Die Fahrer allerdings, die von ihrer Runde auf dem Zeitfahrparcours zurück kamen, nahmen das Malheur recht gelassen hin.
Warmfahren

Etwa eine Stunde vor Ende des Zeitfahrens fuhren wir dann noch ins Hotel, um den Ausgang des spannenden Kampfes um die Uhr am Fernsehen mitzubekommen. Cadel Evans, der Mann der auf einem Canyon Weltmeister wurde fuhr Andy Schleck aus dem Gelben Trikot und holte sich verdient den Gesamtsieg der Tour de France 2011. Chapeau und Gratulation an ihn.
Ich hingegen machte mich auf den verregneten Heimweg zurück nach Koblenz und fiel gegen 2 Uhr nachts in mein Bett.
Alles in allem war es aber dennoch eine erfolgreiche Tour für die Canyon Rennradler auch wenn wir auf dem Weg nach Paris drei Fahrer verloren haben. Wir wünschen allen eine schnelle Genesung und dass sie bald wieder auf dem Rad sitzen.
Bis auf das weiße Trikot durfte jedes Wertungstrikot auf einem Canyon ausgefahren werden. Philippe Gilbert holte sich am ersten Tag mit einem Sieg gleich das Gelbe Trikot des Tour Führenden. Zwei Tage später fuhr er im Grünen Trikot des Sprintbesten und kurz danach auch noch im rot-gepunkteten Trikot des Führenden in der Bergwertung. Bei der 12. Etappe zeigte André Greipel dem kleinen Briten einmal wo der Hammer hängt und hängte ihn im Sprint ab. Jelle Vanendert fuhr am Plateau de Beille zum Etappensieg und ins „Polka-Dot-Jersey“. Am Ende wurde Philippe Gilbert dritter in der Sprintwertung und Jelle Vanendert belegte den gleichen Platz in der Wertung des besten Bergfahrers. Ein spannende Tour und Respekt an alle die in Paris nach 3.430,5 Kilometern das Ziel erreicht haben.

Euer Robert

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